{"id":533,"date":"2010-12-12T23:10:39","date_gmt":"2010-12-12T21:10:39","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=533"},"modified":"2010-12-12T23:13:02","modified_gmt":"2010-12-12T21:13:02","slug":"lesetipp-gehore-ich-hierher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=533","title":{"rendered":"Lesetipp: Geh\u00f6re ich hierher?"},"content":{"rendered":"<address><\/address>\n<address>Von Christian Weber (erschienen in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/gemischte-gefuehle-entfremdung-gehoere-ich-noch-hierher-1.1035083\">S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a>, Samstag\/Sonntag, 11.\/12.12.2010)<\/address>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><em>Mein Lesetipp, gut auf den Punkt gebracht: <\/em><\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl der Entfremdung macht sich wieder vermehrt breit &#8211; egal ob es sich um Entfremdung in der Arbeit, in der Liebe oder vom Leben an sich handelt. Es ist wieder erlaubt, \u00fcber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr ein gelungenes Leben reden.<\/p>\n<p>Die Frage ist unter anderem, ob es uns zu denken geben sollte, dass in manchen Haushalten das iPad die getigerte Hauskatze abgel\u00f6st hat. Leicht zu beantworten ist die Frage nicht: Beide liegen handlich im Scho\u00df und lassen sich streicheln; das Elektroteil haart weniger, daf\u00fcr geht das Tier nicht kaputt, wenn es auf den Boden f\u00e4llt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Insofern tun sich die Sozialtheoretiker schwer damit, wenn sie dar\u00fcber befinden sollen, ob sich unsere Gesellschaft vor dem Untergang befindet. Das l\u00e4sst sich &#8211; wie man seit Adorno wei\u00df &#8211; auch aus dem Umgang mit den Dingen um uns herum ablesen, sei es der K\u00fchlschrank oder das Smartphone.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick f\u00e4llt dem Kulturkritiker die Schm\u00e4hung der digitalen Welt nat\u00fcrlich leicht: Schon bevor man die letzten Untermen\u00fcs des neuen Handys erkundet hat, steht die n\u00e4chste Produktgeneration in den Regalen &#8211; welchen Sinn hat es da, ein Ger\u00e4t in seiner ganzen Funktionsvielfalt zu durchdringen?<\/p>\n<p>Vielen ergeht es so wie dem Soziologen Hartmut Rosa von der Universit\u00e4t Jena: &#8222;Die Zeit, die ich mir nehme, mich mit den Dingern vertraut zu machen, wird immer k\u00fcrzer, und das Gef\u00fchl, das ich dabei habe, immer schaler&#8220;, schreibt Rosa in <em>Le Monde Diplomatique.<\/em> &#8222;Sie sind so toll, und ich verstehe sie gar nicht. Ich mache mir keine M\u00fche mit ihnen. Eigentlich kann ich es kaum erwarten, bis sie eine kleine Macke haben, damit ich sie wegwerfen kann.&#8220;<\/p>\n<p>Denn Kaufen macht Spa\u00df. Doch der Spa\u00df halte nicht an. So ergehe es ihm mit vielen Dingen, so dass der Wissenschaftler sich treffend in einem Zitat von \u00d6d\u00f6n von Horvath beschrieben sieht: &#8222;Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich nicht dazu.&#8220; Und als guter Soziologe entwickelt Rosa aus seinem Lebenszustandsbericht einen Forschungsvorschlag: &#8222;Vielleicht sollten wir noch einmal \u00fcber die Bedeutung des Begriffs ,Entfremdung&#8216; nachdenken.&#8220;\u00a0\u00a0<\/p>\n<div id=\"uid-1-1035108-1292079170\">\n<h3>Entfremdung von den Dingen und der Welt<\/h3>\n<p>Er teilt damit eine Diagnose, die Gesellschaftstheoretiker seit einigen Jahren wieder vermehrt stellen: Viele Menschen der Sp\u00e4tmoderne litten unter einem Gef\u00fchl der Entfremdung von den Dingen und der Welt. Es geht n\u00e4mlich nicht nur um das Hadern mit der Digitalwelt. Dieses Problem lie\u00dfe sich in vielen F\u00e4llen mit dem Vorschlaghammer l\u00f6sen und mit der R\u00fcckkehr zur analogen Primitivwelt: Bei Manufactum klingen auch diese Weihnachten wieder die Kassen. Es geht um die Frage nach dem entfremdeten Leben an sich.<\/p>\n<p>Das ist eine Diskussion, die noch vor zehn Jahren kaum vorstellbar gewesen w\u00e4re &#8211; zu diskreditiert war der Begriff durch den Paternalismus sowohl des linken als auch des rechten Kulturpessimismus. Denn \u00fcber Jahrzehnte war die Diskussion \u00fcber die Entfremdung automatisch verbunden mit der Frage: Entfremdung wovon?<\/p>\n<p>Darauf folgte dann die Rede von den falschen Bed\u00fcrfnissen, die den Menschen aufgeschwatzt worden seien, w\u00e4hrend er &#8211; der Kulturkritiker &#8211; das gute Leben zu definieren wisse. Zu Recht wehrten sich viele, dass ihnen vorgeschrieben wird, was f\u00fcr sie gut sei. Dieser Essentialismus ist zu Recht mausetot.<\/p>\n<p>Es war vor allem die Sozialphilosophin Rahel Jaeggi, mittlerweile an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, die in ihrem Buch <em>Entfremdung: Zur Aktualit\u00e4t eines sozialphilosophischen Problems<\/em> (Campus) daf\u00fcr pl\u00e4dierte, wieder die Frage nach dem guten Leben zu stellen &#8211; ohne dass man den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben. Darin argumentiert sie unter anderem mit biografischen Skizzen des nicht gelungenen Lebens, beschreibt Menschen, die sich in ihren gesellschaftlichen Rollen fremd f\u00fchlen, von ungewollten W\u00fcnschen beherrscht sind oder an der eigenen Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber ihrer Umwelt leiden.<\/p>\n<p>Da ist etwa der begabte junge Mathematiker, der einst ein wildes Leben zwischen besessener Arbeit und exzessivem Nachtleben f\u00fchrte. Irgendwann heiratet er, schon wegen der Steuern, ein Baby kommt, danach der Umzug in den Vorort ins Haus mit Garten. Er sieht sich pl\u00f6tzlich, wie er jeden Samstag mit dem Kombi ins Einkaufszentrum f\u00e4hrt, um die Tiefk\u00fchltruhe zu f\u00fcllen, sich bem\u00fcht rechtzeitig zu Hause zu sein, um den Rasen vor der Grillparty zu m\u00e4hen.<\/p>\n<p>Alles ganz normal, eigentlich zwangsl\u00e4ufig, doch irgendwann ersch\u00fcttert ihn die Erkenntnis, dass sein Leben ihm eigent\u00fcmlich erstarrt und unwirklich vorkommt. &#8222;Das Problem des Mathematikers ist der Kontrollverlust&#8220;, beschrieb Jaeggi in einem Interview diese Situation. &#8222;Nicht er lebt sein Leben, sondern sein Leben lebt ihn.&#8220; F\u00fcr die Analyse solcher Erfahrungen eigne sich der Entfremdungsbegriff.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Empfindungen machten Menschen heutzutage in vielen Lebensbereichen, sekundierte der Kassler Soziologe Heinz Bude auf dem Kongress zum 30-j\u00e4hrigen Bestehen der <em>taz<\/em> im April vergangenen Jahres in Berlin: So herrsche Entfremdung in der Arbeit, wenn man keinen Stolz mehr darauf empfinden k\u00f6nne, selber etwas in Gang zu setzen. Entfremdung in der Liebe sei die Unf\u00e4higkeit zur Hingabe und dem Au\u00dfersichsein. Und entfremdet sei auch eine Haltung zur Politik, die unf\u00e4hig ist zu \u00f6ffentlicher Leidenschaft. &#8222;Entfremdung ist, wenn nichts leuchtet, wenn uns nichts ergreift und wenn uns nichts auf den Grund setzen kann&#8220;, so Bude.<\/p>\n<p>Auch wenn Budes Rede &#8211; wie er selber sagt &#8211; &#8222;etwas pastoral&#8220; klingt, spricht sie doch einen wichtigen Punkt der neueren Entfremdungsdebatte an: Es geht eben nicht darum, bestimmte Bed\u00fcrfnisse als falsche oder wahre zu deklarieren. Oder darum, ein verborgenes Ich zu entdecken und die Verwirklichung eines wahren Selbst. &#8222;Die Bed\u00fcrfnisse der Menschen sind dynamisch und ver\u00e4nderbar&#8220;, sagt Jaeggi, die E-Mail-Kommunikation und Computer sch\u00e4tzt: Sie identifiziere sich mit ihrem Laptop vermutlich mehr als ihr Gro\u00dfvater mit seiner Reiseschreibmaschine.<\/p>\n<p><strong>Meditation, gesundes Essen, der Glaube an Gott<\/strong><\/p>\n<p>Ein unentfremdetes Leben zeichne sich vielmehr durch bestimmte formale Kriterien aus, vor allem dadurch, dass Menschen selbstbestimmt Projekte verfolgen, mit denen sie sich identifizieren k\u00f6nnen. &#8222;Ist etwas irgendwie anschlussf\u00e4hig? Erm\u00f6glicht es Erfahrungen oder behindert es diese?&#8220;<\/p>\n<p>Insofern sei es unsinnig den jeweils vorvergangenen Gesellschaftszustand als weniger entfremdet zu preisen. Vielmehr m\u00fcsse sich auch die akademische Gesellschaftstheorie wieder trauen, die systematische Frage nach dem guten Leben zu stellen: Ist zum Beispiel die Arbeit so organisiert, dass die Menschen sich mit ihr identifizieren k\u00f6nnen? Verursacht der Besuch der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ein kaltes Grausen oder l\u00e4dt sie zum Verweilen ein?<\/p>\n<p>Unwahrscheinlich, dass sich diese Frage allein mit der Lekt\u00fcre der Gl\u00fccks-Ratgeber l\u00f6sen lassen, die sich in den Buchhandlungen stapeln. Denn diese verschieben das Problem allein auf die individuelle Ebene: Mag sein, dass Meditation, gesundes Essen, Joggen, der Besuch von Freunden und der Glaube an Gott, vielleicht sogar das Streicheln von iPads und Katzen zum Wohlbefinden beitragen. Doch dar\u00fcber hinaus ist es wieder erlaubt, \u00fcber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr ein gelungenes Leben reden.<\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<\/div>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christian Weber (erschienen in der S\u00fcddeutschen Zeitung, Samstag\/Sonntag, 11.\/12.12.2010) Mein Lesetipp, gut auf den Punkt gebracht: Das Gef\u00fchl der Entfremdung macht sich wieder vermehrt breit &#8211; egal ob es sich um Entfremdung in der Arbeit, in der Liebe oder&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=533\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Lesetipp: Geh\u00f6re ich hierher?<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[72],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=533"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":537,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions\/537"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}