{"id":610,"date":"2011-01-26T20:43:15","date_gmt":"2011-01-26T18:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=610"},"modified":"2011-01-26T20:43:15","modified_gmt":"2011-01-26T18:43:15","slug":"kampf-den-ewiggestrigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=610","title":{"rendered":"Kampf den Ewiggestrigen"},"content":{"rendered":"<p>Aktuelle Rezension zum Buch &#8222;Aufstand der Kopftuchm\u00e4dchen&#8220;, erschienen am 26.01.2011.<\/p>\n<p>Von Astrid Wirtz<\/p>\n<p>Auch dieses ist ein aufgeregtes Buch \u00fcber den Islam. Aber von der Sorte Aufregung, die \u00fcber den Verstand l\u00e4uft und deshalb besser als zutiefst engagiert beschrieben werden muss. Denn Lale Akg\u00fcn, die ehemalige K\u00f6lner Bundestagsabgeordnete und Islambeauftragte der SPD schreibt als Muslimin sozusagen in eigener Sache. \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen&#8220;, das sie jetzt zusammen mit Martin Benninghoff vorlegt, ist ein kleines alltagstaugliches Lehrbuch \u00fcber einen aufgekl\u00e4rten und von rein historischen Bedeutungen entr\u00fcmpelten Islam, fachlich begleitet und inspiriert durch Beyza Bilgin, ehemalige Dekanin der theologischen Fakult\u00e4t Ankara.<\/p>\n<p>Lale Akg\u00fcn wollte schon als Politikerin einem modernen Islam ihre Stimme geben, eine Stimme, die sich den vorwiegend konservativen bis ultraorthodoxen islamischen Verb\u00e4nden entgegenstellt. Denn gerade diese Verb\u00e4nde sind es, die das Bild des Islam in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4gen. Und das darf ihrer Meinung nach nicht l\u00e4nger geschehen.<\/p>\n<p>Der Islam werde nur dann zur Normalit\u00e4t in Deutschland, \u201ewenn sich die modernen Muslime durchsetzten\u201c. Auf Dauer k\u00f6nne hier keine Religion wirken, die Gegens\u00e4tze zu den Grundwerten dieses Landes aufbaut. Deshalb, so Akg\u00fcn, gehe es nicht um den Kulturkampf zwischen dem Islam und dem Westen. Der kulturelle Graben verlaufe vielmehr zwischen den Modernen und den Ewiggestrigen. Und die hat sie sowohl beim Zentralrat der Muslime als auch bei der Ditib und erst recht bei den Ultraorthodoxen im Visier. Zu eng verkn\u00fcpften diese den Islam noch immer mit einer religi\u00f6s gepr\u00e4gten Lebensweise, deren Regeln sie den Texten aus dem 7. Jahrhundert entn\u00e4hmen. Der Koran sei das \u201eWort Gottes, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort an eine bestimmte Person, den Propheten Mohammed, gerichtet.\u201c Er k\u00f6nne deshalb auf die soziale Ordnung im 21. Jahrhundert keine Antwort geben. Und das sei auch nicht seine Aufgabe.<\/p>\n<p>Welche Bl\u00fcten die unhistorische Lesart des Korans hervorbringen kann, erl\u00e4utert sie an den Ausf\u00fchrungen des K\u00f6lner Predigers Pierre Vogel. Auf seiner homepage \u201eEinladung zum Paradies\u201c gehe er der Frage nach, ob im Islam Frauen Auto fahren d\u00fcrfen. F\u00fcr Vogel komme nur der Koran als Quelle der Beweisf\u00fchrung infrage. Und da das Fahren dort keine Erw\u00e4hnung finde, sei es auch erlaubt. \u201eIn einem Text, der 1400 Jahre alt ist.\u201c Deutschland sucht die \u201eAutosure\u201c, wie Akg\u00fcn bitter ironisch bemerkt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind sich die Autoren klar dar\u00fcber, dass dies einen Extremfall darstellt. Aber auch in Fragen des Kopftuchs f\u00fcr Frauen, der Verheiratung mit einem Andersgl\u00e4ubigen oder Sex vor der Ehe w\u00fcrde in den Moscheen viel \u201e\u00dcberzeugungsarbeit\u201c geleistet. Kleinen M\u00e4dchen, behauptet Akg\u00fcn, erz\u00e4hlten manche Imame, dass sich jedes einzelne Haar, das sichtbar werde, nach dem Tod in der H\u00f6lle in eine Schlange verwandelt. \u201eWer will das schon?\u201c.<\/p>\n<p>\u201eFrauen (und M\u00e4nner) sollten sich aus \u00dcberzeugung an die von Allah offenbarten Kleidervorschriften halten\u201c, hei\u00dfe es beim Zentralrat der Muslime. Bei Akg\u00fcn ist viel Verve dabei, wenn sie den Herren dann den ersten Vers der Sure 24 um die Ohren haut, der auch die gl\u00e4ubigen M\u00e4nner daran erinnert, dass sie ihren Blick senken und auf ihre Keuschheit achten sollen. Bei denen aber werde gern ein Auge zugedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Verh\u00e4ngnisvoll findet sie die Tendenz der Moscheevereine, f\u00fcr ihre Anh\u00e4nger die Identit\u00e4t als Muslime in den Vordergrund zu stellen. Um den Einfluss der Islamverb\u00e4nde zu schw\u00e4chen, pl\u00e4diert die SPD-Politikerin deshalb f\u00fcr eine deutlichere Trennung von Religion und Staat in Deutschland &#8211; und damit auch gegen den geplanten bekenntnishaften Islamunterricht an den Schulen.<\/p>\n<p>Oft ist Wut dabei, wenn die Autorin \u00fcber die Anma\u00dfungen der religi\u00f6sen Wortf\u00fchrer berichtet, und mitunter gleiten die Formulierungen auch leicht ins arg Populistische ab. Recht hat sie aber, wenn sie mit drastischen Beispielen feststellt, wie leicht Religi\u00f6ses in den Dienst m\u00e4nnerdominierter Familien- und Machtstrukturen gestellt wird. Mutig entlarvt sie mit Hilfe theologischer Auslegung Machogehabe und Bigotterie . So den 18-J\u00e4hrigen, der seiner Lehrerin bei der \u00dcbergabe des Abiturzeugnisses nicht die Hand geben will. Oder relativiert die Bedeutung von Minaretten vor dem Hintergrund moderner Weckmethoden.<\/p>\n<p>Lale Akg\u00fcn hat ein mutiges Buch geschrieben. Das Buch einer modernen deutschen Frau \u00fcber die Sicht eines Islam, wie er auch international noch zu wenig verbreitet wird. Einen Islam, der auch ihr Leben bereichert. Anders aber als von manchem Imam in Deutschland verfochten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuelle Rezension zum Buch &#8222;Aufstand der Kopftuchm\u00e4dchen&#8220;, erschienen am 26.01.2011. Von Astrid Wirtz Auch dieses ist ein aufgeregtes Buch \u00fcber den Islam. 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