{"id":625,"date":"2011-02-15T16:13:29","date_gmt":"2011-02-15T14:13:29","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=625"},"modified":"2011-02-15T16:14:08","modified_gmt":"2011-02-15T14:14:08","slug":"nach-der-tausendundersten-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=625","title":{"rendered":"Nach der tausendundersten Nacht"},"content":{"rendered":"<p><em>Rezension im &#8222;<a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/artikel\/nach-der-tausendundersten-nacht\">Vorw\u00e4rts&#8220;<\/a> (15.02.2011)<\/em><\/p>\n<p>von <a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/users\/uwe-knuepfer\">Uwe Kn\u00fcpfer<\/a><\/p>\n<div>\n<div>Der rei\u00dferische Titel t\u00e4uscht: In \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c beschreibt Lale Akg\u00fcn weder einen Aufstand, noch verteidigt sie junge Musliminnen, die Kopft\u00fccher tragen, gegen wen auch immer. Allenfalls tut sie das nebenbei. Ihr geht es um viel mehr: um ein neues, zeitgem\u00e4\u00dfes Verst\u00e4ndnis des Islam, um einen \u201eIslam ohne Tausendundeine Nacht\u201c.<\/div>\n<\/div>\n<p><!--paging_filter--><\/p>\n<p>\u201eEin moderner Islam ist m\u00f6glich!\u201c Davon ist die ehemalige SPD-Politikerin und\u00a0 Erfolgsautorin aus K\u00f6ln \u00fcberzeugt. Verhindert werde er von den selbsternannten Nachfolgern des Propheten Mohammed einerseits und von westlichen Politikern andererseits, die allzu willig den Herrschaftsanspruch der Hodschahs und Imame \u00fcber die Seelen der Muslime anerkennen: \u201eDie deutsche Politik (&#8230;) erweist sich als n\u00fctzlicher Idiot f\u00fcr einen noch nie dagewesenen Identit\u00e4tsterror der islamischen Funktion\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Denn nirgendwo im Koran stehe geschrieben, schreibt Lale Akg\u00fcn unter Berufung auf profunde Kenner des Islams, dass Frauen Kopft\u00fccher oder Burkas tragen m\u00fcssen. Nirgendwo stehe geschrieben, dass Frauen in der Moschee sich mit bescheideneren R\u00e4umen begn\u00fcgen m\u00fcssen als M\u00e4nner. Nirgendwo stehe, dass Frauen fremden M\u00e4nnern nicht die Hand geben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Was ist islamisch?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kernbotschaft des Islam sei nicht, dass alle Muslime einer Gemeinschaft \u2013 der Umma \u2013 angeh\u00f6ren und sich zuallererst als Angeh\u00f6rige dieser Gemeinschaft zu verstehen h\u00e4tten. Einer Gemeinschaft, deren Regeln von m\u00e4nnlichen selbsternannten Koranauslegern festgelegt werden. Regeln, deren Wurzeln nicht in der g\u00f6ttlichen Botschaft des Korans liegen, sondern in den Gewohnheiten archaischer, streng patriarchalischer Gesellschaften. Regeln, wie sie ganz \u00e4hnlich \u00fcbrigens auch noch bis vor kurzem in christlich-patriarchalischen Gesellschaften hochgehalten worden sind.<\/p>\n<p>Diverse Islamverb\u00e4nde behaupten einfach, so Akg\u00fcn, diese oder jene Regel sei \u201eislamisch\u201c. Diese dreiste Behauptung werde jungen Menschen, vor allem den M\u00e4dchen, in Koranschulen eingepaukt. Dabei sei es f\u00fcr die Imame eine gro\u00dfe Hilfe, wenn westliche Politiker Moscheen und Iranschulen durch ihre Besuche \u2013 etwa beim Fastenbrechen \u2013 aufwerten und die Islam-Funktion\u00e4re zu Konferenzen einladen, wo sie erkl\u00e4ren d\u00fcrfen, was \u201eislamisch\u201c ist.<\/p>\n<p>Dabei sei der Islam im Kern \u201edie Religion mit der geringsten Distanz zwischen dem Gl\u00e4ubigen und Gott\u201c. Eine Religion, die ohne Priesterkaste auskommen k\u00f6nnte, ginge es Religionen nicht immer auch um Volkserziehung, um, so Akg\u00fcn, \u201eZivilisierung durch Tugenden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Den Islam in seiner Zeit sehen<\/strong><\/p>\n<p>Die speziellen Zivilisierungsbem\u00fchungen des Islams bezogen sich auf arabische, archaische Gesellschaften des siebten bis neunten Jahrhunderts und m\u00fcssen, schreibt Akg\u00fcn, im diesem Kontext verstanden werden. An jenem Ort zu jener Zeit sei es zum Beispiel Sklavinnen verboten gewesen, ihr Haar zu bedecken. Vor diesem Hintergrund werden die Bekleidungsregeln des Islam verst\u00e4ndlich. Aber auch nur vor diesem Hintergrund. Im 21. Jahrhundert, in Europa, hingegen sei die vom Imamen formulierte Vorschrift, Frauen h\u00e4tten ihr Haar in der \u00d6ffentlichkeit vollst\u00e4ndig zu bedecken, v\u00f6llig unsinnig und nur als Mittel zu verstehen, Frauen zu disziplinieren. So ist das Kopftuch \u201enicht irgendein Tuch, es ist ein Tuch, mit dem Frauen die Ohren zugehalten werden, die Luft abgeschn\u00fcrt wird\u201c.<\/p>\n<p>In Akg\u00fcns Auslegung des Islam ist der gl\u00e4ubige Moslem gehalten, seinen Verstand zu benutzen und die poetischen Texte des Koran im Kontext heutiger gesellschaftlicher Normen zu interpretieren. Dabei habe sich kein Imam und kein Islamverband zwischen den Gl\u00e4ubigen und Gott zu stellen. 49 Mal finde sich im Koran das Wort \u201eVernunft\u201c oder \u201eVerstand\u201c. H\u00f6chst \u00fcberf\u00e4llig sei es, den Koran so verst\u00e4ndlich zu \u00fcbersetzen, wie Luther einst das neue Testament durch seine \u00dcbersetzung ins Deutsche verst\u00e4ndlich und jedem zug\u00e4nglich gemacht hat.<\/p>\n<p><strong>Debatte \u00fcber die Kernbotschaften des Islams<\/strong><\/p>\n<p>Ein Anfang ist gemacht, mit diesem Buch. Lale Akg\u00fcn pflegt eine klare, direkte Sprache. Sie holt die Debatte \u00fcber die Kernbotschaften des Islams aus den theologischen Studierstuben und Gebetsr\u00e4umen auf die H\u00f6he des K\u00fcchentischs. Dabei schreckt sie nicht davor zur\u00fcck, manches aus didaktischen Gr\u00fcnden zu wiederholen, was ihr besonders wichtig ist \u2013 und auch nicht vor der einen oder anderen Schnoddrigkeit.<\/p>\n<p>Dies ist ein gut lesbares, streitbares, aber immer um Verst\u00e4ndnis bem\u00fchtes Buch, ein gutes St\u00fcck praktisch angewandte Aufkl\u00e4rung, ein Buch,\u00a0 dem viele, viele Leserinnen und Leser zu w\u00fcnschen sind \u2013 welchen Glaubens sie auch immer sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p><strong>Lale Akg\u00fcn: Aufstand der Kopftuchm\u00e4dchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus, Piper 2011, 16,95 Euro, ISBN 9783492053815<\/strong><\/p>\n<p><!-- <rdf:RDF xmlns:rdf=\"http:\/\/www.w3.org\/1999\/02\/22-rdf-syntax-ns#\" xmlns:dc=\"http:\/\/purl.org\/dc\/elements\/1.1\/\" xmlns:trackback=\"http:\/\/madskills.com\/public\/xml\/rss\/module\/trackback\/\"> <rdf:Description rdf:about=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/artikel\/nach-der-tausendundersten-nacht\" dc:identifier=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/artikel\/nach-der-tausendundersten-nacht\" dc:title=\"Nach der tausendundersten Nacht\" trackback:ping=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/trackback\/12124\" \/> <\/rdf:RDF> --><\/p>\n<p><span class=\"autor\">von <a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/users\/uwe-knuepfer\">Uwe Kn\u00fcpfer<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"field field-type-text field-field-teaser\">\n<div class=\"field-items\">\n<div class=\"field-item odd\">Der rei\u00dferische Titel t\u00e4uscht: In \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c beschreibt Lale Akg\u00fcn weder einen Aufstand, noch verteidigt sie junge Musliminnen, die Kopft\u00fccher tragen, gegen wen auch immer. Allenfalls tut sie das nebenbei. Ihr geht es um viel mehr: um ein neues, zeitgem\u00e4\u00dfes Verst\u00e4ndnis des Islam, um einen \u201eIslam ohne Tausendundeine Nacht\u201c.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><!--paging_filter--><\/p>\n<p>\u201eEin moderner Islam ist m\u00f6glich!\u201c Davon ist die ehemalige SPD-Politikerin und\u00a0 Erfolgsautorin aus K\u00f6ln \u00fcberzeugt. Verhindert werde er von den selbsternannten Nachfolgern des Propheten Mohammed einerseits und von westlichen Politikern andererseits, die allzu willig den Herrschaftsanspruch der Hodschahs und Imame \u00fcber die Seelen der Muslime anerkennen: \u201eDie deutsche Politik (&#8230;) erweist sich als n\u00fctzlicher Idiot f\u00fcr einen noch nie dagewesenen Identit\u00e4tsterror der islamischen Funktion\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Denn nirgendwo im Koran stehe geschrieben, schreibt Lale Akg\u00fcn unter Berufung auf profunde Kenner des Islams, dass Frauen Kopft\u00fccher oder Burkas tragen m\u00fcssen. Nirgendwo stehe geschrieben, dass Frauen in der Moschee sich mit bescheideneren R\u00e4umen begn\u00fcgen m\u00fcssen als M\u00e4nner. Nirgendwo stehe, dass Frauen fremden M\u00e4nnern nicht die Hand geben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Was ist islamisch?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kernbotschaft des Islam sei nicht, dass alle Muslime einer Gemeinschaft \u2013 der Umma \u2013 angeh\u00f6ren und sich zuallererst als Angeh\u00f6rige dieser Gemeinschaft zu verstehen h\u00e4tten. Einer Gemeinschaft, deren Regeln von m\u00e4nnlichen selbsternannten Koranauslegern festgelegt werden. Regeln, deren Wurzeln nicht in der g\u00f6ttlichen Botschaft des Korans liegen, sondern in den Gewohnheiten archaischer, streng patriarchalischer Gesellschaften. Regeln, wie sie ganz \u00e4hnlich \u00fcbrigens auch noch bis vor kurzem in christlich-patriarchalischen Gesellschaften hochgehalten worden sind.<\/p>\n<p>Diverse Islamverb\u00e4nde behaupten einfach, so Akg\u00fcn, diese oder jene Regel sei \u201eislamisch\u201c. Diese dreiste Behauptung werde jungen Menschen, vor allem den M\u00e4dchen, in Koranschulen eingepaukt. Dabei sei es f\u00fcr die Imame eine gro\u00dfe Hilfe, wenn westliche Politiker Moscheen und Iranschulen durch ihre Besuche \u2013 etwa beim Fastenbrechen \u2013 aufwerten und die Islam-Funktion\u00e4re zu Konferenzen einladen, wo sie erkl\u00e4ren d\u00fcrfen, was \u201eislamisch\u201c ist.<\/p>\n<p>Dabei sei der Islam im Kern \u201edie Religion mit der geringsten Distanz zwischen dem Gl\u00e4ubigen und Gott\u201c. Eine Religion, die ohne Priesterkaste auskommen k\u00f6nnte, ginge es Religionen nicht immer auch um Volkserziehung, um, so Akg\u00fcn, \u201eZivilisierung durch Tugenden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Den Islam in seiner Zeit sehen<\/strong><\/p>\n<p>Die speziellen Zivilisierungsbem\u00fchungen des Islams bezogen sich auf arabische, archaische Gesellschaften des siebten bis neunten Jahrhunderts und m\u00fcssen, schreibt Akg\u00fcn, im diesem Kontext verstanden werden. An jenem Ort zu jener Zeit sei es zum Beispiel Sklavinnen verboten gewesen, ihr Haar zu bedecken. Vor diesem Hintergrund werden die Bekleidungsregeln des Islam verst\u00e4ndlich. Aber auch nur vor diesem Hintergrund. Im 21. Jahrhundert, in Europa, hingegen sei die vom Imamen formulierte Vorschrift, Frauen h\u00e4tten ihr Haar in der \u00d6ffentlichkeit vollst\u00e4ndig zu bedecken, v\u00f6llig unsinnig und nur als Mittel zu verstehen, Frauen zu disziplinieren. So ist das Kopftuch \u201enicht irgendein Tuch, es ist ein Tuch, mit dem Frauen die Ohren zugehalten werden, die Luft abgeschn\u00fcrt wird\u201c.<\/p>\n<p>In Akg\u00fcns Auslegung des Islam ist der gl\u00e4ubige Moslem gehalten, seinen Verstand zu benutzen und die poetischen Texte des Koran im Kontext heutiger gesellschaftlicher Normen zu interpretieren. Dabei habe sich kein Imam und kein Islamverband zwischen den Gl\u00e4ubigen und Gott zu stellen. 49 Mal finde sich im Koran das Wort \u201eVernunft\u201c oder \u201eVerstand\u201c. H\u00f6chst \u00fcberf\u00e4llig sei es, den Koran so verst\u00e4ndlich zu \u00fcbersetzen, wie Luther einst das neue Testament durch seine \u00dcbersetzung ins Deutsche verst\u00e4ndlich und jedem zug\u00e4nglich gemacht hat.<\/p>\n<p><strong>Debatte \u00fcber die Kernbotschaften des Islams<\/strong><\/p>\n<p>Ein Anfang ist gemacht, mit diesem Buch. Lale Akg\u00fcn pflegt eine klare, direkte Sprache. Sie holt die Debatte \u00fcber die Kernbotschaften des Islams aus den theologischen Studierstuben und Gebetsr\u00e4umen auf die H\u00f6he des K\u00fcchentischs. Dabei schreckt sie nicht davor zur\u00fcck, manches aus didaktischen Gr\u00fcnden zu wiederholen, was ihr besonders wichtig ist \u2013 und auch nicht vor der einen oder anderen Schnoddrigkeit.<\/p>\n<p>Dies ist ein gut lesbares, streitbares, aber immer um Verst\u00e4ndnis bem\u00fchtes Buch, ein gutes St\u00fcck praktisch angewandte Aufkl\u00e4rung, ein Buch,\u00a0 dem viele, viele Leserinnen und Leser zu w\u00fcnschen sind \u2013 welchen Glaubens sie auch immer sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p><strong>Lale Akg\u00fcn\/in Zusammenarbeit mit Martin Benninghoff: Aufstand der Kopftuchm\u00e4dchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus, Piper 2011, 16,95 Euro, ISBN 9783492053815<\/strong><\/p>\n<p><!-- <rdf:RDF xmlns:rdf=\"http:\/\/www.w3.org\/1999\/02\/22-rdf-syntax-ns#\" xmlns:dc=\"http:\/\/purl.org\/dc\/elements\/1.1\/\" xmlns:trackback=\"http:\/\/madskills.com\/public\/xml\/rss\/module\/trackback\/\"> <rdf:Description rdf:about=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/artikel\/nach-der-tausendundersten-nacht\" dc:identifier=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/artikel\/nach-der-tausendundersten-nacht\" dc:title=\"Nach der tausendundersten Nacht\" trackback:ping=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/trackback\/12124\" \/> <\/rdf:RDF> --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension im &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220; (15.02.2011) von Uwe Kn\u00fcpfer Der rei\u00dferische Titel t\u00e4uscht: In \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c beschreibt Lale Akg\u00fcn weder einen Aufstand, noch verteidigt sie junge Musliminnen, die Kopft\u00fccher tragen, gegen wen auch immer. 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