{"id":652,"date":"2011-03-26T14:57:08","date_gmt":"2011-03-26T12:57:08","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=652"},"modified":"2011-03-26T15:11:35","modified_gmt":"2011-03-26T13:11:35","slug":"von-wegen-integrationsunwillig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=652","title":{"rendered":"Von wegen &#8222;integrationsunwillig&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><\/p>\n<figure id=\"attachment_659\" aria-describedby=\"caption-attachment-659\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/aselcuk1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-659\" title=\"Die Berlinerin Aylin Selcuk\" src=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/aselcuk1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-659\" class=\"wp-caption-text\">Die Berlinerin Aylin Selcuk<\/figcaption><\/figure>\n<p>(erschienen im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; am 26.03.2011 in gek\u00fcrzter Fassung)<\/p>\n<p><\/em><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Aylin Selcuk f\u00e4hrt gerade durch K\u00f6ln, als sie einen Redakteur der neuen Sat-1-Polittalksendung \u201eEins gegen Eins\u201c am Ohr hat. Ob sie nicht in der n\u00e4chsten Sendung dabei sein wolle, mit Thilo Sarrazin zusammen. Es gehe um den Islam in Deutschland. \u201eIslam? Da bin ich wohl nicht die richtige\u201c, erwidert Selcuk. \u201e\u00dcber Islam wei\u00df ich nicht viel. Warum laden Sie keinen Islamwissenschaftler ein?\u201c Ihr \u00c4rger ist un\u00fcberh\u00f6rbar. Ende des Gespr\u00e4chs, der Redakteur will sich in den n\u00e4chsten Tagen abermals melden. \u201eDa sollen doch nur Gegens\u00e4tze aufeinander losgelassen werden, dass es knallt\u201c, sagt die 22-j\u00e4hrige Zahnmedizinstudentin, die Sarrazin im vergangenen Jahr wegen Volksverletzung verklagt hat: \u201eDer hat mit seinen genetischen Thesen den Rassismus salonf\u00e4hig gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Die junge Berlinerin hat 2007 den Verein \u201eDeukische Generation\u201c gegr\u00fcndet, eine Art Sprachrohr f\u00fcr junge Migranten, die sich gegen das Negativ-Image vor allem t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Jugendlicher als \u201eintegrationsunwillig\u201c wehren. \u201eIch bin hier geboren\u201c, sagt sie, \u201eund ich will mich nicht entschuldigen, nur weil meine Wurzeln in der T\u00fcrkei liegen\u201c. Sie spult ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer ab: Die Standardfragen ihrer Mitsch\u00fcler \u2013 was, Du tr\u00e4gst kein Kopftuch? Du darfst abends weggehen und Alkohol trinken? \u2013 seien ja noch harmlos gewesen. Eines Tages habe sie jedoch ihr Erdkunde- und Mathelehrer in der Pause zur Seite genommen und allen Ernstes gefragt, ob sie denn nach den Sommerferien aus der T\u00fcrkei zur\u00fcckkehre. \u201eEr hatte tats\u00e4chlich die Bef\u00fcrchtung, ich w\u00fcrde zwangsverheiratet werden.\u201c Damals war sie 17 und fand das gar nicht witzig.<\/p>\n<p>In der Folgezeit gab sie sich als Italienerin aus, um den Fragen nach Kopftuch und Zwangsheiraten aus dem Weg zu gehen. Sie fing an, \u00fcber T\u00fcrken herzuziehen \u2013 in der Schule, um ihren Mitsch\u00fclern zu gefallen, aber auch zuhause am Abendbrottisch. Ihre Eltern und der Bruder sch\u00fcttelten nur noch die K\u00f6pfe. \u201eAm Tisch war dicke Luft\u201c, erz\u00e4hlt sie heute. Irgendwann sah sie den umstrittenen Fernsehfilm \u201eWut\u201c, in dem ein t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Junge eine deutsche Familie maltr\u00e4tiert. \u201eWenn ich ein deutscher Papi gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich es auch mit der Angst zu tun bekommen\u201c, sagt sie. \u201eAber mir wurde klar, dass dies ein Zerrbild ist.\u201c Und sie lie\u00df die Maske der Italienerin fallen und trat die Flucht nach vorne an.<\/p>\n<p>\u00dcber das soziale Netzwerk StudiVZ schrieb sie noch am gleichen Abend Kettenmails mit einem Aufruf an Freunde und Bekannte, sich Negativ-Klischees \u00fcber junge Migranten nicht l\u00e4nger bieten zu lassen. Sie lud zu einem Treffen ein, bei dem sich unerwartet mehr als 50 Jugendliche einfanden. Selcuk, zu diesem Zeitpunkt gerade 18 geworden, belie\u00df es nicht bei blanker Emp\u00f6rung: Sie hatte einen Vortrag mit allerlei Statistiken vorbereitet, sparte Integrationsprobleme dabei nicht aus, nur seien diese eben \u201enicht ethnisch bedingt\u201c. Sie erz\u00e4hlte den anderen von ihren analphabetischen Vorfahren und deren Willen, dass es die Kinder besser haben sollten, mit Erfolg: Selcuks Mutter ist heute Leiterin zweier Bankfilialen in Berlin, der Vater Journalist der \u201eH\u00fcrriyet\u201c.\u00a0 Auch bei der Mustersch\u00fclerin Aylin war bislang alles so gut gelaufen, dass sie sich wenig Gedanken \u00fcber die Kinder anderer t\u00fcrkischer Einwanderer gemacht hatte. \u201eIch hatte damals selbst Vorurteile\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Aus dem einmaligen Treffen erwuchs schlie\u00dflich die \u201eDeukische Generation\u201c, die schon im Namen das Deutsche und T\u00fcrkische tr\u00e4gt. Die Medien nahmen die attraktive Vorsitzende dankbar an: Der \u201eSpiegel\u201c k\u00fcrte sie auf dem Titel zu einem der \u201eAlpham\u00e4dchen\u201c, die Schauspielerin Hannelore Elsner \u00fcberreichte ihr den Preis \u201eGoldene Bild der Frau\u201c, und der britische \u201eEconomist\u201c bezeichnete sie allen Ernstes als m\u00f6gliche erste t\u00fcrkischst\u00e4mmige Bundeskanzlerin. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria B\u00f6hmer, lud sie zum Integrationsgipfel ein, und Kanzlerin Angela Merkel h\u00f6rte Selcuk geduldig zu (\u201eTut mir leid, aber eine doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft geht nicht\u201c). Seitdem postet Selcuk flei\u00dfig ihre Fotos mit Bundespr\u00e4sident Christian Wulff oder dem Berliner Regierenden B\u00fcrgermeister, Klaus Wowereit, bei Facebook.<\/p>\n<p>Als Kritik von etablierten Migrantenorganisationen laut wurde, der Verein sei nur f\u00fcr nette Berichte in Zeitungen gut, gingen Selcuk und ihre Mitstreiter in die Hauptschulen und die Problembezirke Berlins, und sie initiierten Projekte: Ein Lehrer der Winkelrieder Oberschule beispielsweise hatte den Verein wegen der vielen Schulschw\u00e4nzer angeschrieben und um Hilfe gerufen. Daraufhin tauchte der Verein unangek\u00fcndigt in der Klasse auf und diskutierte mit den Sch\u00fclern \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcrs Schw\u00e4nzen. Bei der anschlie\u00dfenden Analyse mit dem Lehrer entwirrte sich ein Kn\u00e4uel an Unverst\u00e4ndnis auf allen Seiten: Der Lehrer hatte sich \u00fcberfordert gef\u00fchlt, die oft t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Eltern unverstanden und herablassend behandelt \u2013 und mittendrin in der gro\u00dfen Sprachlosigkeit hatten manche Sch\u00fcler das Weite gesucht.<\/p>\n<p>Heute versucht Selcuk, ihren Verein zu professionalisieren, indem sie Coachings f\u00fcr Rhetorik und Projektmanagement organisiert. Die meiste Freizeit neben dem Studium geht daf\u00fcr drauf, auch wenn sie zuletzt f\u00fcr ihr Physikum b\u00fcffeln musste. Selcuk besucht Messen, wo sie und die anderen Informationsst\u00e4nde f\u00fcr Jugendliche zur Berufswahl aufstellen. Und sie selbst? Nach dem Abschluss will die ehrgeizige 22-J\u00e4hrige in Harvard promovieren und dann als Zahn\u00e4rztin zur\u00fcck nach Berlin, wahrscheinlich in die Forschung. \u201eHier f\u00fchle ich mich wohl\u201c, sagt sie. Bundeskanzlerin ist bislang nicht ihr Berufswunsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(erschienen im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; am 26.03.2011 in gek\u00fcrzter Fassung) Von Martin Benninghoff Aylin Selcuk f\u00e4hrt gerade durch K\u00f6ln, als sie einen Redakteur der neuen Sat-1-Polittalksendung \u201eEins gegen Eins\u201c am Ohr hat. 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