{"id":682,"date":"2011-05-18T10:55:36","date_gmt":"2011-05-18T08:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=682"},"modified":"2011-06-04T13:34:08","modified_gmt":"2011-06-04T11:34:08","slug":"geschafte-mit-allahs-geboten-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=682","title":{"rendered":"Gesch\u00e4fte mit Allahs Geboten"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Martin Benninghoff (K\u00f6lner Stadt-Anzeiger)<\/em><\/p>\n<p>K\u00d6LN &#8211; Es ist nicht leicht, Canan Karadag ans Telefon zu bekommen: Mal ist der umtriebige Inhaber und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Karadag Supermarkt AG mit dem Einkauf besch\u00e4ftigt, mit Rechnungen, Bilanzen und Personalfragen, mal steht er selbst hinter der Fleischtheke, dem jeweiligen Herzst\u00fcck seiner sieben Superm\u00e4rkte, die der t\u00fcrkischst\u00e4mmige Unternehmer seit 15 Jahren in K\u00f6ln betreibt.<\/p>\n<p>Karadags Kunden sind die t\u00fcrkisch- oder arabischst\u00e4mmigen Bewohner in Stadtvierteln wie Ehrenfeld, Kalk und Eigelstein \u2013 aber zunehmend auch Deutsche. Praktizierende Muslime sch\u00e4tzen vor allem die Sicherheit, dass Karadags Produkte \u201ehalal\u201c (arabisch) oder \u201ehelal\u201c (t\u00fcrkisch) sind, also nach islamischen Regeln hergestellt. Alleine die Herkunft des Unternehmers aus der T\u00fcrkei, einem islamisch gepr\u00e4gten Land, scheint den Kunden als B\u00fcrgschaft zu reichen: \u201eNur ein- oder zweimal die Woche fragt ein Kunde, ob das Fleisch halal ist\u201c, sagt Karadag. \u201eDie Leute vertrauen uns.\u201c<\/p>\n<p>Schweinefleisch ist nach g\u00e4ngiger islamischer Lehrmeinung verboten, \u201eharam\u201c. Rind, Lamm und Huhn hingegen sind erlaubt, wenn nach islamischer Tradition gesch\u00e4chtet wird. Dabei stirbt das Tier durch einen Schnitt durch die Halsschlagader und blutet v\u00f6llig aus \u2013 Blut gilt im Islam und Judentum als unrein. Da Sch\u00e4chten des Tieres in Deutschland nur im Ausnahmefall erlaubt ist, bezieht Karadag Rindfleisch aus Belgien und Lamm aus Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p><strong>So \u00e4hnlich wie bei Bio-Siegeln<\/strong><\/p>\n<p>Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft deshalb Fleisch und andere Produkte, die halal-zertifiziert sind. Das Prinzip dahinter funktioniert so \u00e4hnlich wie bei Bio-Siegeln: Konsumenten, die verunsichert sind, was gesund, umwelt- und tierschonend ist, kaufen Bio-Produkte. Muslime, die verunsichert sind, was islamisch erlaubt ist, kaufen Halal-Lebensmittel.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst sind diese Produkte raus aus der Nische: In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime, gut 2,7 Millionen davon stammen aus der T\u00fcrkei. \u201eDie t\u00fcrkische Zielgruppe ist deutlich j\u00fcnger als die deutsche\u201c, sagt Engin Erg\u00fcn, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der D\u00fcsseldorfer Ethno-Marketing-Agentur Ethno IQ. Etwa die H\u00e4lfte der T\u00fcrkischst\u00e4mmigen geh\u00f6rt in die werberelevante, konsum- und markenaffine Gruppe der 15- bis 40-J\u00e4hrigen. Erg\u00fcn rechnet mit knapp 18 Milliarden Euro Kaufkraft in Deutschland pro Jahr.<\/p>\n<p>Auch wenn sie nicht alle praktizierende Muslime sind: Die europ\u00e4ischen Lebensmittelproduzenten jubeln \u00fcber ein boomendes Gesch\u00e4ft bei gesch\u00e4tzten 1,6 Milliarden Muslimen weltweit, Tendenz steigend. Tats\u00e4chlich hat sich der Umsatz mit Halal-Produkten im Welthandel von 150 Milliarden US-Dollar in 2002 auf mehr als 600 Milliarden Dollar vervierfacht.<\/p>\n<p><strong>Seit den 80er Jahren im Gesch\u00e4ft<\/strong><\/p>\n<p>Schon in den 80er Jahren ist der Schweizer Konzern Nestl\u00e9 in das gewinntr\u00e4chtige Gesch\u00e4ft eingestiegen \u2013 und nach eigenen Angaben bis zum Weltmarktf\u00fchrer aufgestiegen. Rund f\u00fcnf Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet der Konzern mit islamkonformen Lebensmitteln. Von den 443 Nestl\u00e9-Fabriken weltweit produzieren 95 in Halal-Qualit\u00e4t. Meist f\u00fcr die gro\u00dfen Absatzm\u00e4rkte in Malaysia, dem Mittleren Osten und dem mit rund 200 Millionen Muslimen gr\u00f6\u00dften Islam-Markt der Welt: Indonesien. Aber auch der deutsche Markt w\u00e4chst: Nach Angaben von Halal Control, einer Agentur in R\u00fcsselsheim, die Produkte halal-zertifiziert, stellen bereits mehr als 400 Firmen in Deutschland islamkonforme G\u00fcter her. Dazu geh\u00f6ren bekannte Traditionsunternehmen wie Maggi, das zu Nestl\u00e9 geh\u00f6rt, und der Gefl\u00fcgelhersteller Wiesenhof.<\/p>\n<p>Den vielleicht gr\u00f6\u00dften Coup aus Vermarktungssicht landete jedoch der Bonner S\u00fc\u00dfigkeiten-Produzent Haribo. Dessen Halal-Variante der Gummib\u00e4rchen wird bereits seit 2001 in der T\u00fcrkei hergestellt: mit Rindergelatine.<\/p>\n<p>Anders als Karadag mit seinen t\u00fcrkischen Superm\u00e4rkten transportiert das urdeutsche Haribo \u2013 das K\u00fcrzel steht f\u00fcr den Firmengr\u00fcnder Hans Riegel, Bonn \u2013 nicht schon mit dem Namen das Vertrauen in die islamkonforme G\u00fcte seiner Produkte. Das Problem: Es gibt weder deutsche noch internationale Standards, wie eine solche Zertifizierung auszusehen hat. \u00c4hnlich der Fr\u00fchzeit der Bio-Siegel herrscht ein heilloses Durcheinander im Zertifikate-Dschungel. Und \u00e4hnlich wie beim Islam selbst gibt es etliche Auslegungen, was erlaubt ist und was nicht.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es mittlerweile einige renommierte Anbieter solcher Zertifikate, wie Halal Control in R\u00fcsselsheim oder <span id=\"plista_intext_hidden_1\" class=\"plista_intext_highlight\">Islamic Food Council of Europe<\/span> in Belgien. Halal Control beruft sich auf Standards, die in Malaysia und Indonesien gelten, und ber\u00fccksichtigt nach eigenen Angaben Grunds\u00e4tze artgerechter Tierhaltung ebenso wie sozialethische Regeln.<\/p>\n<p><strong>Besorgt um den Ruf der Marke<\/strong><\/p>\n<p>Im Januar zeigte sich jedoch, wie br\u00fcchig die m\u00fchsam aufgebaute Glaubw\u00fcrdigkeit sein kann: Das franz\u00f6sische Labor Eurofins behauptete, in einer Analyse Schweinefleischr\u00fcckst\u00e4nde in der halal-zertifizierten Gefl\u00fcgelwurst \u201eKnacki\u201c gefunden zu haben. Die W\u00fcrstchen werden von Herta hergestellt, ebenfalls eine Tochter von Nestl\u00e9. Der Schweizer Konzern, besorgt um den Ruf seiner Marke, gab sofort eine Gegenanalyse in Auftrag, die den Verdacht ausr\u00e4umen konnte.<\/p>\n<p>Der Imageschaden bei muslimischen Kunden erweist sich als hartn\u00e4ckig \u2013 im Internet verbreitete sich die Geschichte rasant. Nestl\u00e9 entschloss sich daraufhin, alle Halal-Produktlinien auf Schweine-R\u00fcckst\u00e4nde pr\u00fcfen zu lassen, bevor sie in die Superm\u00e4rkte gelangen \u2013 was sich als \u00e4u\u00dferst langwierig und aufwendig herausstellte. Mit der Folge, dass die Herta-W\u00fcrstchen \u201ebis zur vollst\u00e4ndigen Evaluierung der notwendigen Ma\u00dfnahmen innerhalb der Versorgungskette\u201c in Frankreich nun aus dem Verkauf genommen sind, wie Nestl\u00e9-Sprecherin Nina Backes verr\u00e4t.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seitdem kontroverse Debatten um den Islam die Medien beherrschen, werben europ\u00e4ische Halal-Produzenten absichtlich an der deutschen Kundschaft vorbei, um ihr Image nicht zu gef\u00e4hrden. \u201eAus Angst vor Skandalen\u201c, berichtet Susanne Wiese-Willmaring von der SGS Germany Agricultural Services and Food. Verstecken und verdecken, wo es nur geht, lautet die Strategie. Auch die Einzelh\u00e4ndler trauen sich nicht so recht die entsprechenden Produkte in die Regale zu stellen: \u201eWir beobachten die Nachfrageentwicklung der Halal-Produkte, haben derzeit aber noch kein entsprechendes Sortiment\u201c, sagt etwa Rewe-Sprecher Andreas Kr\u00e4mer.<!-- <\/read> --><!-- Facebook empfehlen button --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Martin Benninghoff (K\u00f6lner Stadt-Anzeiger) K\u00d6LN &#8211; Es ist nicht leicht, Canan Karadag ans Telefon zu bekommen: Mal ist der umtriebige Inhaber und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Karadag Supermarkt AG mit dem Einkauf besch\u00e4ftigt, mit Rechnungen, Bilanzen und Personalfragen, mal steht er&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=682\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Gesch\u00e4fte mit Allahs Geboten<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,11,1],"tags":[95,96],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/682"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=682"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":701,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/682\/revisions\/701"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}