{"id":708,"date":"2011-06-30T11:32:06","date_gmt":"2011-06-30T09:32:06","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=708"},"modified":"2011-06-30T11:32:06","modified_gmt":"2011-06-30T09:32:06","slug":"angst-vor-der-ungewissheit-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=708","title":{"rendered":"Angst vor der Ungewissheit"},"content":{"rendered":"<p>Erschienen im<a href=\"http:\/\/www.ksta.de\"> &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220;<\/a> (ersch. 30.06.2011)<\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Die Lage in Syrien einzusch\u00e4tzen, gleicht einem Puzzle, bei dem wichtige Teile fehlen. Ausl\u00e4ndische Journalisten erhalten keinen Zugang zum Land, und die Echtheit der Bilder und Videos von Protesten ist in vielen F\u00e4llen nicht belegt. \u00dcber drei Monate dauert der Kampf zwischen Diktator Baschar al-Assad und Teilen seines Volks, mehr als 1300 Menschen sollen bereits gestorben sein. Letztlich bleiben nur Momentaufnahmen von Augenzeugen und Berichte von Exil-Syrern, die Kontakt zur Heimat halten.<\/p>\n<p>Fuat und Samer (Namen\u00a0 sind der Redaktion bekannt), beide um die 40, leben in den USA, nachdem sie in \u00d6sterreich und Deutschland Islam- und Politikwissenschaften studiert haben. Sie wollen unerkannt bleiben, um ihre Familien nicht zu gef\u00e4hrden, die in Damaskus, der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt Aleppo und in Homs leben. \u201eDie Berichterstattung tut so, als w\u00fcrde in ganz Syrien protestiert\u201c, sagt Fuat, der erst k\u00fcrzlich mit seiner Familie in Homs telefoniert hat. \u201eDie Proteste beschr\u00e4nken sich aber vor allem auf die sunnitischen Stadtteile.\u201c Ansonsten sei der Alltag recht normal, der Verkehr liefe und die Gesch\u00e4fte seien offen. Nur die Milit\u00e4rpr\u00e4senz sei sp\u00fcrbar erh\u00f6ht. Und das Internet werde meist von Donnerstagabend bis Sonntag blockiert. Auch in den beiden gr\u00f6\u00dften St\u00e4dten Damaskus und Aleppo sei es ruhig, erz\u00e4hlt Samer. In den Provinzst\u00e4dten allerdings gingen die Leute auf die Stra\u00dfe. \u201eUnd hier ist das Regime sehr brutal, nach allem, was ich bislang geh\u00f6rt habe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeine syrischen Freunde umtreibt vor allem die Angst vor dem Danach. Sie f\u00fcrchten das Chaos im Land nach einem Sturz Assads. Sie f\u00fcrchten eine Irakisierung \u2013 eine Zentralregierung, die nicht in der Lage sein wird, f\u00fcr Stabilit\u00e4t zu sorgen\u201c, sagt Samer. In einem solchen Chaos k\u00f6nnten religi\u00f6se Konflikte ausbrechen, wie etwa im Libanon, erg\u00e4nzt Fuat. \u201eDann beginnt der Tag der Abrechnung, mit unvorhersehbaren Folgen f\u00fcr die Menschen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Tag der Abrechnung der religi\u00f6sen Mehrheit mit der Minderheit, die das Zepter in der Hand h\u00e4lt. Assads Regime geh\u00f6rt zur Minderheit der Alawiten, die kaum mehr als sechs Prozent der Bev\u00f6lkerung ausmacht. Die gro\u00dfe Mehrheit, um 70 Prozent, sind sunnitische Muslime, die im Machtapparat kaum etwas zu sagen haben. Dar\u00fcber hinaus leben viele weitere religi\u00f6se Minderheiten in Syrien, etwa die Drusen, Schiiten, aber auch Christen und einige wenige Juden. Im Widerstand gegen die allm\u00e4chtige Baath-Partei spielen zudem die Muslimbr\u00fcder eine wichtige Rolle. Unvergessen ist ihnen das Massaker von Hama, bei dem Assads Vater und Vorg\u00e4nger 1982 Tausende Sunniten umbringen lie\u00df. \u201eDer Kampf gegen das Assad-Regime ist ein Kampf der sunnitischen Mehrheit gegen die alawitische Minderheit\u201c, sagt Samer. \u201eDa sind Rechnungen offen.\u201c<\/p>\n<p>Samer war selbst Mitglied der Baath-Partei. Er erz\u00e4hlt, wie er als 15-j\u00e4hriger Sch\u00fcler damals in seiner Schule in Aleppo angeworben wurde. \u201eSie lie\u00dfen mir keinen Zweifel: Wenn Du was werden willst, vielleicht sogar ins Ausland reisen, dann musst Du Parteimitglied werden.\u201c Allerdings beschr\u00e4nkte er sich aufs Zahlen der Mitgliedsbeitr\u00e4ge und hielt sich sonst von Politik fern. \u201eLetztlich geht es einzig und allein um die Frage, ob man herrscht oder beherrscht werden will. Es gibt keinen Konsensgedanken in Syrien, kein Parteiensystem, das Minderheiten und Mehrheiten friedlich an einen Tisch bringen k\u00f6nnte.\u201c\u00a0 Deshalb sei es nur logisch, dass Assads Regime mit dieser H\u00e4rte und Brutalit\u00e4t reagiert. \u201eEs geht f\u00fcr sie um Fressen oder gefressen werden\u201c, sagt Samer.<\/p>\n<p>Auch die angek\u00fcndigten Reformen \u2013 wie etwa die Aufhebung des Notstands \u2013 seien vor diesem Hintergrund kaum mehr als Makulatur. Der Notstand erlaube zwar eine willk\u00fcrliche Festnahme f\u00fcr sechs Monate ohne Gerichtsbarkeit. Der eigentliche Terror des Regimes ginge jedoch vom Geheimdienst aus und der Vierten Division der Armee, die dem brutalen Pr\u00e4sidentenbruder Maher al-Assad unterstellt ist. Und daran \u00e4ndere sich auch nach der Aufhebung des Notstands gar nichts, sagt Fuat.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Sorge bereitet beiden Auslandssyrern die konfessionelle Zersplitterung des Landes. \u201eSogar die 300 Oppositionellen, die sich neulich im t\u00fcrkischen Antalya getroffen haben, um \u00fcber einen Fahrplan f\u00fcr die Nach-Assad-Zeit zu debattieren, konnten sich \u00fcber die religi\u00f6se Zukunft des Landes nicht einigen\u201c, so Samer. Die Muslimbr\u00fcder wollen keinen laizistischen Staat. \u201eAber in einem religi\u00f6sen Staat will ich nicht leben\u201c, so Samer, der eine R\u00fcckkehr nach Syrien f\u00fcr die nahe und mittlere Zukunft ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; (ersch. 30.06.2011) Von Martin Benninghoff Die Lage in Syrien einzusch\u00e4tzen, gleicht einem Puzzle, bei dem wichtige Teile fehlen. Ausl\u00e4ndische Journalisten erhalten keinen Zugang zum Land, und die Echtheit der Bilder und Videos von Protesten ist in&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=708\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Angst vor der Ungewissheit<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,1],"tags":[98,97],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/708"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=708"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":710,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/708\/revisions\/710"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}