{"id":747,"date":"2011-08-12T09:21:01","date_gmt":"2011-08-12T07:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=747"},"modified":"2011-08-15T08:36:23","modified_gmt":"2011-08-15T06:36:23","slug":"die-berge-sind-kein-disneyland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=747","title":{"rendered":"&#8222;Die Berge sind kein Disneyland&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Bergsteigerlegende Reinhold Messner im Interview. Erschienen im<a href=\"http:\/\/www.ksta.de\"> &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; <\/a>(12.08.2011) und<a href=\"http:\/\/www.mz-web.de\/servlet\/ContentServer?pagename=ksta\/page&amp;atype=ksArtikel&amp;aid=1313175788225\"> &#8222;Mitteldeutsche Zeitung<\/a>&#8222;.<\/em><\/p>\n<p><em>Herr Messner, Sie haben vor einigen Tagen Kanzlerin Merkel in ihrem S\u00fcdtiroler Urlaubsort Sulden am Ortler bewirtet. Wie haben Sie die Kanzlerin erlebt? <\/em><\/p>\n<p><strong>Reinhold Messner:<\/strong> Sie macht seit Jahren in Sulden Urlaub, weil sie dort ihre Ruhe hat.\u00a0 Sie wandert gerne und ist auf einen Berg gestiegen, auf die Sch\u00f6ntaufspitze habe ich geh\u00f6rt. Es ist einfach sehr nett, mit der Kanzlerin und Herrn Sauer (Merkels Ehemann Joachim Sauer, Anm. d. R.) ganz locker einen Abend zu verbringen \u2013 meine Familie war auch dabei.<\/p>\n<p><em>Wor\u00fcber haben Sie gesprochen? <\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Zum Beispiel \u00fcber die Frage, wann wir S\u00fcdtiroler endlich eine europ\u00e4ische Staatsb\u00fcrgerschaft haben k\u00f6nnen. Wir S\u00fcdtiroler sitzen immer zwischen den St\u00fchlen, solange wir zu einem Staat geh\u00f6ren, der uns mehr oder weniger als Kriegsbeute 1918 \u00fcbernommen hat. Mit einer europ\u00e4ischen Staatsb\u00fcrgerschaft w\u00e4ren wir S\u00fcdtiroler, ja vielleicht auch in Italien zuhause, aber vor allem Europ\u00e4er und Weltb\u00fcrger. Wir S\u00fcdtiroler sind die ersten, die selbstverst\u00e4ndlich Europ\u00e4er werden wollen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass alle Europ\u00e4er in Zukunft so denken w\u00fcrden, weil wir sonst den ganzen Haufen aus Italienern, Deutschen oder Franzosen kaum zusammenhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Verst\u00e4rkt die Angst vor einer taumelnden Wirtschaftsmacht Italien diesen Wunsch?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Bei vielen S\u00fcdtirolern sicherlich ja, bei mir privat eher nicht. Viele fragen sich: Warum sollen wir, die wir uns mit Italien kaum identifizieren, auch noch Schulden \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p><em>M\u00f6chte die Kanzlerin nicht lieber Abstand von politischen Themen in ihrem Urlaub nehmen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner<\/strong>: Sie ist sehr leutselig und interessiert an den Themen, die in ihrer Umgebung wichtig sind, und sie war gut erholt. Man bekommt den Kopf frei, wenn man in seinem Rhythmus wandert, das genie\u00dfe ich sehr und sie auch.<\/p>\n<p><em>Gehen Sie auch noch klettern? <\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Ja, und zwar am liebsten mit meinem Sohn. Er klettert heute viel besser als ich und kann vorausklettern, wenn es schwierig wird. Daf\u00fcr habe ich die Erfahrung logischerweise. Es ist einfach sch\u00f6n, auch wenn die Verantwortung gro\u00df ist. Neulich sind wir die Langkofel-Nordkante (in den Dolomiten, Anm. d. R.) geklettert, immerhin 1000 Meter, und ich hatte meine M\u00fche. Drei Tage Muskelkater danach.<\/p>\n<p><em>Bei Ihnen f\u00e4llt auf: Sie teilen Ihr Leben in Phasen auf, denen Sie keine Tr\u00e4ne nachweinen, zumindest nicht nach au\u00dfen, wenn die Phasen vorbei sind. Was gibt Ihnen das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner<\/strong>: Ich war ein besessener Felskletterer, und das sage ich mit aller Kritik an meiner damaligen Besessenheit. Nach dem Tod meines Bruders am Nanga Parbat und dem Verlust meiner Zehen durch Erfrieren war ich rausgerissen, ich konnte nicht mehr so gut klettern. Dann bin ich umgestiegen aufs H\u00f6henbergsteigen, sp\u00e4ter auf die Horizontale mit W\u00fcstendurchquerungen. Heute bin ich Museumsgr\u00fcnder, was mich genauso befriedigt, wenn nicht sogar mehr.<\/p>\n<p><em>Sie haben gerade ihre f\u00fcnfte Dependance des \u201eMessner Mountain Museums\u201c im S\u00fcdtiroler Bruneck er\u00f6ffnet. Was zeigt das neue Museum?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Ich zeige 20 Bergv\u00f6lker unter anderem mit ihren profanen Alltagsgegenst\u00e4nden und versuche zu beantworten, wie die Menschen im Gebirge leben und Tourismus betreiben k\u00f6nnen, ohne ihre Existenzgrundlagen weiter zu gef\u00e4hrden, wie schon vielerorts geschehen. Ich habe selbst drei Bauernh\u00f6fe, wo ich versuche, Landwirtschaft und Tourismus miteinander zu verzahnen, so dass der Tourismus die Landwirtschaft ern\u00e4hrt. Wir werden mit der Universit\u00e4t Bruneck dazu Symposien abhalten und auch fremde Bergv\u00f6lker einladen. Denn wir in der Alpenregion sind die weltweiten Vorreiter im Bergtourismus, weil die Alpen den ersten Tourismus vor gut 200 Jahren bekommen haben. Wir sollten die Sprecherrolle \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><em>Der Innsbrucker Bergsteiger Wolfgang Nairz holt sogar Sherpas nach \u00d6sterreich, damit sie auf Alpenvereinsh\u00fctten lernen k\u00f6nnen\u2026<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner<\/strong>: Ja, das finde ich sehr gut. Sie kommen mit sehr viel Know-how zur\u00fcck nach Nepal und sehen nat\u00fcrlich, was wir falsch machen. Das k\u00f6nnen sie in ihrem Gebiet korrigieren.<\/p>\n<p><em>Vor gut hundert Jahren wollte man eine Seilbahn auf den Gipfel des Gro\u00dfglockners bauen \u2013 ein Plan, der zum Gl\u00fcck verhindert wurde. Was sind die gr\u00f6\u00dften Fehler im heutigen Alpintourismus?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Man hat bis heute nicht verstanden, dass zwei Aspekte das Flair der Berge ausmachen: zum einen die Kulturlandschaft, die in den Alpen bis maximal 2300 Metern geht. Dorthin gehen die Menschen seit Jahrtausenden, um Weidefl\u00e4chen zu nutzen zum Beispiel.\u00a0 Durch den Tourismus sind auch die vorher nutzlosen Gletscher und die Felspassagen dar\u00fcber zur Nutzfl\u00e4che f\u00fcr die Bergsteiger und Skifahrer geworden \u2013 mit teils katastrophalen Folgen f\u00fcr die Landschaft. Ich bin daf\u00fcr, dass man in diesen H\u00f6hen ohne gro\u00dfe technische Hilfsmittel auskommt. Das D\u00fcmmste sind derzeit die vielen neuen Klettersteige. Die teils \u00fcberh\u00e4ngenden W\u00e4nde sind vernagelt und verdrahtet mit Bohrhaken und langen Fixseilen, nur um viele Tausend Pistentouristen in die H\u00f6hen zu pumpen. \u00a0Bis zum Gipfel des Mount Everest und bis in den elften Schwierigkeitsgrad. Die Berge sind kein Disneyland.<\/p>\n<p><em>Wie verh\u00e4lt sich ein vern\u00fcnftiger Bergsteiger Ihrer Meinung nach? <\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Vern\u00fcnftig ist, sich nach seinem eigenen Machbarkeitsgrad zu richten \u2013 in Eigenregie oder mit einem Bergf\u00fchrer. Wenn man schauen muss, wie wird das Wetter, wo sind die Gletscherspalten, wo liegt Ger\u00f6ll\u2026jeder Mensch kann an seiner F\u00e4higkeitsgrenze die tiefsten Erlebnisse haben.<\/p>\n<p><em>Sie geben Seminare f\u00fcr Manager und f\u00fchren \u201edie Similaun\u201c durch die Berge, eine Gruppe von Wirtschaftskapit\u00e4nen wie etwa Hubert Burda oder J\u00fcrgen Weber von der Lufthansa. Was suchen diese Top-Manager in den Bergen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner<\/strong>: Wir sind alle mittlerweile \u00e4ltere Herren, die gerne diskutieren und dabei wandern. Wir \u00fcbernachten auf einer H\u00fctte ohne Kontakt zur Au\u00dfenwelt, wenn wir von den Touren zur\u00fcckkommen. Ich gebe zu, das ist ein elit\u00e4rer Klub. Aber wir sehen ein, wir k\u00f6nnen nicht immer weiter steigern und wachsen, eine Erfahrung, die wir alle an den Grenzen unserer eigenen Leistungsf\u00e4higkeit machen. Wir lernen zur\u00fcckzustecken, und beim Bergsteigen wird einem das geradezu aufgezwungen.<\/p>\n<p><em>Haben Sie einen Tipp f\u00fcr gestresste Gro\u00dfst\u00e4dter, wie man auch in einer Betonw\u00fcste Raum f\u00fcr sich schafft und das Tempo drosselt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Das ist in der Gro\u00dfstadt sehr schwierig, vielleicht in einem Park oder in einem Museum. Es gibt aber viele sch\u00f6ne Mittelgebirge, wie nahe an K\u00f6ln die Eifel zum Beispiel. Mit wundersch\u00f6nen Wanderm\u00f6glichkeiten, die gar nicht \u00fcberlaufen sind. Ich bin gerne selbst im Harz und auf dem Brocken unterwegs.<\/p>\n<p><em>Sie sind jetzt 66 Jahre alt und damit nach Angestelltenma\u00dfst\u00e4ben im Rentenalter. Haben Sie sich \u00fcberlegt, wer die Marke Messner weiterf\u00fchrt sp\u00e4ter? <\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Ich betreibe f\u00fcnf Museen in verschiedenen H\u00e4usern, die ich maximal f\u00fcr 25 Jahre zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen habe. Das muss \u00fcber meinen Tod hinaus funktionieren, und meine 18-Jahre j\u00fcngere Frau wird das weiterf\u00fchren k\u00f6nnen. Meine Kinder m\u00f6chte ich damit nicht belasten. Eine studiert Wirtschaft und Kunstgeschichte, wer wei\u00df, vielleicht hat sie eines Tages Lust mitzuarbeiten. Mein Sohn studiert Biologie, macht etwas ganz anderes. Und meine kleine Tochter ist neun.<\/p>\n<p><em>Was sind Ihre n\u00e4chsten Pl\u00e4ne? <\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Ich habe selbst keine Verpflichtungen mehr. Ich werde ein paar B\u00fccher schreiben, um mein Gehirn zu trainieren und nicht an Alzheimer zu erkranken. Ich werde auch weiterhin reisen und bergsteigen, und ich will einen Film machen.<\/p>\n<p><em>Was f\u00fcr einen Film? <\/em><\/p>\n<p><strong>Messner:<\/strong> Eine Spielfilmgeschichte, bei der mir keiner reinreden kann. Eine fiktive Berggeschichte, die ich geschrieben habe, die aber realistisch bleiben muss. Immer wenn irgendwelche Regisseure, die nie etwas H\u00f6heres bestiegen haben als einen Barhocker, einen Bergfilm drehen, kommt es zum Absturz. Es ist nur schwierig, einen Kletterer zum Schauspieler zu machen. Aber andersherum eben auch. Ob ich den Film umsetzen kann, werde ich sehen, daf\u00fcr braucht es Helfer und Geld.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Zur Person:<\/strong><\/p>\n<p>Reinhold Messner, geb. 1944 in S\u00fcdtirol, gelangen viele Erstbegehungen, die Besteigung aller 14 Achttausender, die Erstbesteigung des Mount Everests ohne Sauerstoffger\u00e4t, die Durchquerung der Antarktis, der W\u00fcsten Gobi und Takla Makan sowie die L\u00e4ngsdurchquerung Gr\u00f6nlands. Er war EU-Abgeordneter und gr\u00fcndete Museen. Messner, der Autor zahlreicher zum Teil umstrittener B\u00fccher ist, lebt heute mit seiner Frau in Meran und Schloss Juval in S\u00fcdtirol.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bergsteigerlegende Reinhold Messner im Interview. Erschienen im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; (12.08.2011) und &#8222;Mitteldeutsche Zeitung&#8222;. 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