{"id":768,"date":"2011-09-12T12:47:47","date_gmt":"2011-09-12T10:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=768"},"modified":"2011-09-12T12:47:47","modified_gmt":"2011-09-12T10:47:47","slug":"polarisierte-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=768","title":{"rendered":"Polarisierte Welt"},"content":{"rendered":"<p><em>[fblike layout_style=&#8217;standard&#8216; show_faces=&#8217;false&#8216; verb=&#8217;like&#8216; font=&#8217;arial&#8216; color_scheme=&#8217;light&#8216;]<\/em><\/p>\n<p><em>Vor zehn Jahren griffen Terroristen die USA an (erschienen im<\/em><a href=\"http:\/\/www.ksta.de\"><em> &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220;<\/em><\/a><em> am 10.\/11.09.2011).<\/em><\/p>\n<p><em>Von Michael Hesse und Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Als El Kaida die westlichen Symbole von Fortschritt und St\u00e4rke in New York und Washington angriff, und die Welt die Twin Towers in sich zusammenfallen sah, schien die These Samuel P. Huntingtons vom \u201eKampf der Kulturen\u201c auf unheilvolle Weise Gestalt anzunehmen.<\/p>\n<p>Der Islam stand von nun an, so glaubten viele, in einem Kampf gegen den Westen. Der \u201eClash of Civilizations\u201c, von dem der Aufsatz des mittlerweile verstorbenen Politikwissenschaftlers von 1993 handelt, wurde zum Kennzeichen einer neuen historischen Epoche. Mit Huntingtons Buch \u201eKampf der Kulturen\u201c\u00a0 schien zudem die griffige Zauberformel zur Beschreibung der Konflikte in der Welt nach dem Kalten Krieg gefunden zu sein.<\/p>\n<p>Die westliche Sicht war die, dass der Islam die Wurzel der Radikalisierung sei. In Bin Laden personifizierte sich der Vorreiter der muslimischen Welt. \u201eFaktisch werden junge Menschen aber nicht deshalb zu Terroristen, weil sie den Koran lesen oder in die Moschee gehen. Sie tun es um der Wirkung willen\u201c, sagt der franz\u00f6sische Politologe Olivier Roy. <br \/>\nDurch den \u201eWar on Terror\u201c gegen Afghanistan und den Irak sowie den Dauerkonflikt mit dem Iran verfestigte sich zun\u00e4chst eine Schwarz-Wei\u00df-Sicht, die den Islam und den Westen als jeweils eigene Bl\u00f6cke betrachtete. Sahen einige im Islam eine Ausgeburt der Intoleranz, betonten andere wiederum seine tolerante Seite. Sahen einige im Westen den b\u00f6sen, moralisch verkommenen Wohlstandsriesen, betonten andere wiederum Menschenrechte und Demokratie.<\/p>\n<p>Gleichwohl sind solche Generalisierungen falsch, was die Gesellschaften sowohl der islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4nder als auch des Westens, nicht zuletzt Deutschland, lernen m\u00fcssen. Nur ein Bruchteil der 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime hierzulande sind Fundamentalisten. Und davon l\u00e4ngst nicht alle politische Radikale. Einerseits gibt es die ultrareligi\u00f6sen Muslime der Salafistenbewegung, die selbst mit ihrer Kleidung einem imaginierten Bild des Propheten Mohammed nacheifern. Andererseits machen Studien deutlich, dass rund 90 Prozent der Muslime absolut unauff\u00e4llige Ansichten zu Demokratie und Freiheit haben.<\/p>\n<p>Zuletzt hat das Buch des Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin die Polarisierung in Muslime und Nicht-Muslime versch\u00e4rft, die der Komplexit\u00e4t kaum gerecht wird: schon gar nicht den Gruppen mit liberalen Ansichten \u00fcber Menschlichkeit und menschliche Freiheit.<\/p>\n<p>Schon Huntington wurde in seiner Aufteilung der Welt ein logischer Fehler nachgewiesen. Es war schwer einzusehen, warum wir jemanden prim\u00e4r als Mitglied einer \u201eZivilisation\u201c ansehen sollen, die sich ausschlie\u00dflich durch Religion definiert. So lautet die Kritik von Nobelpreistr\u00e4ger Amartya Sen. Der \u00d6konom und Philosoph der Harvard University erkennt hierin eine unzul\u00e4ssige Reduktion eines Menschen auf eine Dimension \u2013 in diesem Fall auf ihre Religionszugeh\u00f6rigkeit. Dabei gibt es so viele andere Zugeh\u00f6rigkeiten, wie Sprache, Literatur, Nationalit\u00e4t, Beruf,\u00a0 Erziehung, politische Bindungen und sozialer Status.<\/p>\n<p>Jedenfalls erschwert die Blockbildung notwendige Reformen einiger islamischer Str\u00f6mungen. Der Gelehrte Sadik al-Azm aus Damaskus verweist darauf, dass es in den islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern derzeit nur wenig Raum f\u00fcr eine kritische Haltung der eigenen Religion gegen\u00fcber gibt. Und die fundamentalistischen und konservativen Deutungen unter den theologischen Gelehrten nehmen \u00fcberdies zu. Al-Azms Hoffnung: ein Euro-Islam unter den in Europa lebenden muslimischen Intellektuellen und der Reformkr\u00e4fte in der T\u00fcrkei, etwa der Ankara-Schule, k\u00f6nnte auch die arabische Reformtheologie befl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Deutschland und Frankreich haben hier ob der Gr\u00f6\u00dfe ihrer muslimischen Bev\u00f6lkerungsteile eine Schl\u00fcsselrolle. Wichtigstes Instrument in Deutschland ist derzeit die Einf\u00fchrung des islamischen Religionsunterrichts an Schulen. Konflikte sind allerdings bereits jetzt zu erkennen: Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Gr\u00fcnderin des Liberal Islamischen Bundes (LIB), bef\u00fcrchtet wie andere auch eine Dominanz der Konservativen, die den Islam als feststehendes Regelwerk mit Verboten sehen statt die Sch\u00fcler zu zeitgem\u00e4\u00dfer Interpretation zu bef\u00e4higen.\u00a0 Eine Entwicklung, die die Bundesregierung mit der von Wolfgang Sch\u00e4uble initiierten Islamkonferenz tendenziell gest\u00e4rkt hat.<\/p>\n<p>V\u00f6llig \u00fcberrascht zeigte sich der Westen indes von den Ereignissen in Nordafrika. Anfang dieses Jahres begehrte die Jugend auf, die, im muslimischen Glauben aufgewachsen, die scheinbar exklusiven westlichen Werte f\u00fcr sich reklamierte. Die Menschen in Kairo, Tunis und Bengasi protestierten f\u00fcr Demokratie, f\u00fcr freie, gleiche und geheime Wahlen, f\u00fcr einen Rechtsstaat und eine unabh\u00e4ngige Gerichtsbarkeit.<\/p>\n<p>Das zeigt: Der Kontrast besteht eher zwischen modernen demokratischen Standpunkten und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten vormodernen Ideologien in der christlichen, muslimischen, j\u00fcdischen und hinduistischen Welt. Anzunehmen, dass die einzelnen Kulturen homogen sind, ist ein gro\u00dfer Fehler, sagt noch einmal Amartya Sen. Einen \u201eKampf der Kulturen\u201c zu sehen, ist ein noch gr\u00f6\u00dferer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[fblike layout_style=&#8217;standard&#8216; show_faces=&#8217;false&#8216; verb=&#8217;like&#8216; font=&#8217;arial&#8216; color_scheme=&#8217;light&#8216;] Vor zehn Jahren griffen Terroristen die USA an (erschienen im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; am 10.\/11.09.2011). 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