{"id":778,"date":"2011-10-20T18:57:12","date_gmt":"2011-10-20T16:57:12","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=778"},"modified":"2011-11-29T13:37:34","modified_gmt":"2011-11-29T11:37:34","slug":"im-schatten-des-arabischen-fruhlings","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=778","title":{"rendered":"Im Schatten des Arabischen Fr\u00fchlings"},"content":{"rendered":"<p><em>[fblike layout_style=&#8217;standard&#8216; show_faces=&#8217;false&#8216; verb=&#8217;like&#8216; font=&#8217;arial&#8216; color_scheme=&#8217;light&#8216;]<\/em><\/p>\n<p><em>Reportage im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; \u00fcber Marokko, dessen Tourismus in Zeiten der Unruhen in den Nachbarstaaten mitleidet. (12. Oktober 2011)<\/em><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><em><br \/>\n<\/em>Als die Tunesier, \u00c4gypter und Libyer Anfang des Jahres auf die Stra\u00dfen gingen, um ihre verschwendungss\u00fcchtigen Potentaten aus den Pal\u00e4sten zu fegen, und sich auch in Saudi-Arabien die ersten Unzufriedenen regten, fuhr der saudische K\u00f6nig Abdullah in Urlaub. Nach einer Bandscheibenoperation in New York ben\u00f6tigte der schwerreiche Herrscher ein wenig Ruhe, und da kam ihm der Arabische Fr\u00fchling in Tunis, Kairo und Tripolis und auch der eigenen Hauptstadt Riad mehr als ungelegen. Also ging er nach Marokko. Dort waren K\u00f6nige noch willkommen, denn die wenigen Proteste in Casablanca und Rabat richteten sich nicht direkt gegen den marokkanischen Herrscher Mohammed VI.<\/p>\n<p>Abdullah zog sich mit einem gro\u00dfen Tross an Sicherheitsleuten und Dienern zur Reha an die marokkanische Atlantikk\u00fcste zur\u00fcck, in ein Luxushotel nahe der sch\u00f6nen, portugiesisch gepr\u00e4gten Festungsstadt El Jadida, ein Unesco-Weltkulturerbe. Er bezog eine 342 Quadratmeter gro\u00dfe \u201eRoyalsuite\u201c im \u201eMazagan\u201c f\u00fcr rund 8500 Euro die Nacht, lie\u00df gleich noch ein paar W\u00e4nde einrei\u00dfen, damit die an sich gro\u00dfz\u00fcgige Kemenate etwas ger\u00e4umiger wurde. Von dort genoss er den Panoramablick \u00fcber den pieksauberen Strand, der t\u00e4glich von einigen der 1500 Hotelbediensteten mit Harke und Greifer von Strandgut befreit wird. Ein St\u00fcck gr\u00fcnes Urlaubsparadies mit einem 18-Loch-Golfplatz, dessen kurzer Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten scheint, dahinter ein gro\u00dfz\u00fcgiger Wellness-Palast inmitten der ansonsten weitgehend naturbelassenen D\u00fcnenlandschaft.<\/p>\n<p>\u201eZu Gesicht haben wir den K\u00f6nig aber nie bekommen\u201c, sagt Rita Tazi beim Rundgang durch den riesenhaften Hotelkomplex. Sie ist im \u201eMazagan\u201c f\u00fcr die Kommunikation mit ausl\u00e4ndischen Journalisten zust\u00e4ndig, spricht flie\u00dfend Arabisch, Franz\u00f6sisch, Englisch und Spanisch. Wenn Sie nicht spricht, schaut sie auf ihr Smartphone, liest Mails und tippt SMS, ganz Prototyp einer marokkanischen Businessfrau, die sich aller technischen M\u00f6glichkeiten bedient, in Sachen Familie jedoch die Tochter einer konservativen Familie in einem konservativen islamischen Land bleibt. Zwar hat sie ein Zimmer im Hotel, lebt aber weiter die meiste Zeit bei ihren Eltern in Casablanca. Ihr Vater habe ihr verboten, sich eine eigene Wohnung zu nehmen, sagt Rita. \u201eDas geh\u00f6rt sich eben nicht. Bis ich einmal heirate.\u201c Und wann ist es soweit? \u201eAch, h\u00f6ren Sie ja auf\u201c, lacht sie, \u201eich stemme mich so gut ich kann dagegen.\u201c<\/p>\n<p>Ritas Job ist es, ausl\u00e4ndischen Journalisten das Tourismusland Marokko im Allgemeinen und das Hotel \u201eMazagan\u201c im Besonderen schmackhaft zu machen. Denn w\u00e4hrend der saudische K\u00f6nig in Marokko Urlaub machte, begannen die weltweit ausgestrahlten Bilder und Berichte von Toten und Verletzten zwischen Damaskus und Tunis den Tourismus in Marokko in Mitleidenschaft zu ziehen \u2013 obgleich es in Marokko ruhig blieb.<\/p>\n<p>Immerhin erwirtschaftet der Tourismus zehn Prozent der Deviseneinnahmen. \u201eIm Sommer 2011 haben wir jedoch R\u00fcckg\u00e4nge im zweistelligen Prozentbereich zu verzeichnen\u201c, sagt Alexa H\u00fcner, Pressesprecherin beim Reiseunternehmen TUI. Stattdessen reisten die Touristen in die T\u00fcrkei oder auf die Kanarischen Inseln. Auch das staatliche marokkanische Tourismusb\u00fcro stellt einen R\u00fcckgang der \u00dcbernachtungen im Juli dieses Jahres um mehr als 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr fest, auch bei den Deutschen. Die kommen mit knapp 950 000 \u00dcbernachtungen im Jahr 2010 ohnehin seltener nach Marokko als die historisch mit dem Land verbundenen Franzosen. \u201eLeider unterscheiden die Touristen nicht zwischen den Staaten im arabischen Raum\u201c, sagt Hatim El-Gharbi vom marokkanischen Tourismusverband. Au\u00dferdem: \u201eWenn im Libanon eine Bombe hochgeht, leidet Marokkos Reisewirtschaft gleich mit\u201c, sagt er. \u201eUnd das, obwohl der Libanon n\u00e4her an Deutschland als an Marokko liegt.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings ging in diesem Jahr in Marokko selbst eine Bombe hoch. 18 Menschen, darunter etliche Ausl\u00e4nder, starben im April, als islamistische Attent\u00e4ter ein Touristencaf\u00e9 am \u201eDjemaa el Fna\u201c, dem zentralen Platz in Marrakesch, sprengten. Ein symboltr\u00e4chtiges Ziel, denn das quicklebendige Viertel um den Platz und die angrenzenden M\u00e4rkte (Soukhs) sind das Herz des hei\u00dfen und verschwitzten Marrakesch. Mit seinen Gauklern, Feuerschluckern, Schlangenbeschw\u00f6rern, Geschichtenerz\u00e4hlern. Mit seinen Musikern in wei\u00dfen Djellabas und roten Filzh\u00fcten, die ekstatisch auf straff gespannte Ziegenhaut schlagen und ihren Schellen und Tamburinen ein hei\u00dfbl\u00fctiges Dr\u00f6hnen entlocken. Tausend und eine Nacht f\u00fcr den Wochenendtrip aus den europ\u00e4ischen Metropolen.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Marrakesch, aber auch Casablanca, Tanger und Essaouira westliche K\u00fcnstler inspirierten und dies bis heute tun: Alfred Hitchcocks Film \u201eDer Mann, der zu viel wusste\u201c spielt in Marrakesch, Satzst\u00fccke aus \u201eCasablanca\u201c mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman sind schon l\u00e4ngst sprichw\u00f6rtlich geworden, und der Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger Elias Canetti nannte seine Liebeserkl\u00e4rung an die Fremde \u201eDie Stimmen von Marrakesch\u201c. Doch das orientalische Stadtparadies Marrakesch hat mit dem Bombenanschlag seine Unschuld verloren \u2013 und damit auch etliche Touristen, best\u00e4tigt TUI-Sprecherin H\u00fcner.<\/p>\n<p>Dabei war Marokko als Tourismusziel auf gutem Wege, wenn man von den schw\u00e4cheren Jahren 2008 und 2009 absieht, die im Schatten der aufkommenden Finanzkrise standen. Das selbstgesteckte Ziel der Regierung, 2010 zehn Millionen Touristen ins Land zu locken, \u201eVision 2010\u201c genannt, verfehlte Marokko nur hauchd\u00fcnn. Der Anteil deutschen Reisenden war kontinuierlich gestiegen, wenn auch vergleichsweise noch auf geringem Niveau. F\u00fcr den Reiseveranstalter Thomas Cook bringt das Marokko-Gesch\u00e4ft weniger als ein Prozent am Gesamtumsatz, sagt Sprecher Mathias Brandes. Zum Vergleich: \u00c4gypten und Tunesien liegen bei f\u00fcnf bis sechs Prozent.<\/p>\n<p>K\u00f6nig Mohammed VI. und die Regierung hatten daf\u00fcr schon vor zehn Jahren ein umfassendes Investitions- und Reformpaket aufgelegt, das \u201ePlan Azur\u201c genannt wurde \u2013 ein verhei\u00dfungsvoller Begriff, der bis heute in keiner Diskussion \u00fcber Marokkos Zukunft fehlen darf. Unter anderem sieht der Plan mit einem Investitionsvolumen von 1,4 Milliarden Euro den Bau mehrerer gro\u00dfer und exklusiver Ferienanlagen vor, von denen die meisten nun, zehn Jahre nach Beschluss, fertiggestellt sind. Das \u201eMazagan\u201c ist eines davon. Nur die Anlage in Port Lixus an der n\u00f6rdlichen Atlantikk\u00fcste l\u00e4sst noch wegen Finanzierungsschwierigkeiten auf sich warten. Damit sollen finanzstarke Touristen ins Land gelockt werden, die schnell vom Flughafen ins Hotelzimmer gelangen wollen. Selbstredend wurden deshalb Schnellstra\u00dfen und Autobahnen durch Gebiete gebaut, die vorher allenfalls durch Eselverkehr aufgefallen waren. Marokko hat heute zumindest an der K\u00fcste hervorragend ausgebaute Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Die gut 90 Kilometer weite Fahrt vom Flughafen Casablanca zum \u201eMazagan\u201c dauert nur noch eine dreiviertel Stunde. Man rauscht \u00fcber die Autobahn vorbei an \u00e4rmlichen Bauernkaten, deren D\u00e4cher zum Teil noch aus Plastikplanen bestehen. Der Boden ist trocken und ausged\u00f6rrt, auf ihm finden meist nur Ziegen und Schafe gen\u00fcgend Futter. Wie \u00fcberall in Marokko stehen hier und dort Rohbauten, die aussehen als seien sie aufgegeben worden. Hinter den beiden Kontrollposten des \u201eMazagan\u201c tut sich dann eine gr\u00fcne Oase auf. Palmen, Wiesen und farbenfrohe Blumen. Fr\u00fchmorgens springen die Rasensprenger an, damit das Gr\u00fcn nicht zum Braun der Umgebung wird. Das Wasser werde wiederaufbereitet, sagt Rita Tazi. Um das Hotel herum verl\u00e4uft ein Wassergraben als Reservoir f\u00fcr das Bew\u00e4ssern der Anlage. Rita macht darauf aufmerksam, dass \u201e3630 B\u00e4ume gepflanzt\u201c worden seien \u2013 als Ausgleich f\u00fcr die Rodung f\u00fcr das Hotelgel\u00e4nde.<\/p>\n<p>Das neue marokkanische \u00d6ko-Bewusstsein ist schlichtweg aus der Not geboren. In Marrakesch muss inzwischen 45 Meter tief gebohrt werden, um auf Grundwasser zu sto\u00dfen. Noch vor zw\u00f6lf Jahren reichten zw\u00f6lf Meter. Nat\u00fcrlich ist \u201eNachhaltigkeit\u201c aber auch hier ein Begriff f\u00fcr die Imagepflege. Das Personal des \u201eMazagan\u201c rekrutiere sich aus der einheimischen Bev\u00f6lkerung, erz\u00e4hlt Rita. Sie bleibt stehen, ihre Stimme bekommt einen verschw\u00f6rerischen Unterton: \u201eDie anzulernen war nicht einfach\u201c, sagt sie und rollt mit den Augen. \u201eEs fehlte an allem: an Ausbildung, manche sind sogar Analphabeten.\u201c Jedenfalls h\u00e4tten sie gemeinsam ge\u00fcbt, ge\u00fcbt, ge\u00fcbt \u2013 und die Mitarbeiter verhielten sich daf\u00fcr umso herzlicher zu den G\u00e4sten. Tats\u00e4chlich wirken manche Kellner noch unsicher, sie machen das jedoch durch gesteigerte Freundlichkeit mehr als wett.<\/p>\n<p>\u201eEin weiteres Problem f\u00fcr Marokkos Tourismus ist ein Mangel an direkten Flugverbindungen\u201c, sagt Stephan Killinger, der Direktor des \u201eMazagan\u201c. Der Deutsche hat \u00fcber 25 Jahre in verschiedenen Luxus-Resorts, wie dem ebenfalls zur Kerzner-Gruppe geh\u00f6renden \u201eOne&amp;Only Reethi Rah\u201c auf den Malediven, gearbeitet und will das \u201eMazagan\u201c nun als \u201ef\u00fchrende touristische Destination etablieren\u201c. Er sitzt im \u201eMorjana Restaurant\u201c, wo sich die Tische vor lauter marokkanischer Spezialit\u00e4ten wie Taijines und Couscous biegen. Auf einer kleinen B\u00fchne spielt eine Gruppe einheimische Volksmusik, dazu schwingt eine Baucht\u00e4nzerin die H\u00fcften. Air Berlin streicht zum Winterflugplan eine Reihe von direkten Verbindungen von K\u00f6ln\/Bonn nach Nador, Tanger und \u2013 schlecht f\u00fcr Killingers Hotel \u2013 auch \u00a0nach Casablanca. Allerdings \u00fcberlegt Germanwings derzeit, die Strecken zu \u00fcbernehmen. TUI muss ihre Kunden gelegentlich \u00fcber Z\u00fcrich und Luxemburg einfliegen, da Direktverbindungen fehlen.<\/p>\n<p>Ob die reichen Touristen, auf die Killinger baut, mit Germanwings oder anderen Billigfliegern reisen? Er baut schlie\u00dflich auf Kunden, denen selbst \u201edie Businessklasse bei Condor nicht reicht\u201c. Das \u201eMazagan\u201c mit seinem angeblich gr\u00f6\u00dften Casino Nordafrikas \u2013 mit 50 Spieltischen und 441 Automaten \u2013 buhlt eher um die Kunden von Resorts wie in Dubai und Abu Dhabi. Klar, dass der hoteleigene Nachtclub im Prospekt mit jenen des Dubaier Mega-Hotels \u201eAtlantis, The Palm\u201c verglichen wird. Wer will da schon mit der \u201eRoyal Air Maroc\u201c fliegen, deren Service, nun ja, verbesserungsw\u00fcrdig ist?<\/p>\n<p>Eigentlich sind Casinos und Gl\u00fcckspiel in einem muslimischen Land als Lasterh\u00f6lle verp\u00f6nt. Eine Gratwanderung, die der K\u00f6nig von Marokko umgeht, indem er sich im \u201eMazagan\u201c bisher noch nicht hat blicken lassen. \u201eEr ist unser religi\u00f6ser F\u00fchrer\u201c, sagt Rita Tazi augenzwinkernd. \u201eDeshalb kommt er nicht zu Besuch.\u201c Abdullah, den K\u00f6nig von Saudi-Arabien, der sich der \u201eH\u00fcter der heiligen St\u00e4tten von Mekka und Medina\u201c nennt, schien das nicht zu st\u00f6ren. Er blieb gleich einen ganzen Monat im \u201eMazagan\u201c. Trotz Casino. Aber sein Volk ist ja auch weit weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[fblike layout_style=&#8217;standard&#8216; show_faces=&#8217;false&#8216; verb=&#8217;like&#8216; font=&#8217;arial&#8216; color_scheme=&#8217;light&#8216;] Reportage im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; \u00fcber Marokko, dessen Tourismus in Zeiten der Unruhen in den Nachbarstaaten mitleidet. (12. 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