{"id":793,"date":"2011-11-19T12:56:04","date_gmt":"2011-11-19T10:56:04","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=793"},"modified":"2011-11-29T13:37:21","modified_gmt":"2011-11-29T11:37:21","slug":"kolsche-eingeborene-auf-galapagos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=793","title":{"rendered":"K\u00f6lsche Eingeborene auf Galapagos"},"content":{"rendered":"<div><em>\u00a0<\/em><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_797\" aria-describedby=\"caption-attachment-797\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Floreana_064_copy.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-797\" title=\"Floreana_064_copy\" src=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Floreana_064_copy-300x248.gif\" alt=\"Die Wittmers: Heinz, Harry, Inge, Rolf und Margret (Bilder: Wittmer, Benninghoff)\" width=\"300\" height=\"248\" srcset=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Floreana_064_copy-300x248.gif 300w, http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Floreana_064_copy.gif 926w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-797\" class=\"wp-caption-text\">Die Wittmers: Heinz, Harry, Inge, Rolf und Margret (Bild: Wittmer)<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><em>Vor rund 80 Jahren wanderte Adenauers Privatsekret\u00e4r mit seiner Familie von K\u00f6ln auf die Galapagos-Inseln aus &#8211; bis heute pr\u00e4gen\u00a0die Nachfahren dort den Tourismus\u00a0<\/em><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Eine Reportage von Martin Benninghoff <\/em><a href=\"http:\/\/www.ksta.de\"><em>(&#8222;K\u00f6lner Stadtanzeiger<\/em><\/a><em>&#8222;, 19.11.2011)<\/em><\/p>\n<p>Die Koffer sind gepackt, und die Kisten, K\u00f6rbe und S\u00e4cke voller Hausrat und Saatgut bereits auf dem Weg nach Amsterdam, als Heinz Wittmer einen Brief an den \u201esehr geehrten Herrn Oberb\u00fcrgermeister\u201c schreibt. Es ist 1932, und der Chef im K\u00f6lner Rathaus ist ein gewisser Konrad Adenauer, der sp\u00e4tere Bundeskanzler. Wittmer ist dessen Privatsekret\u00e4r, wenn auch nicht mehr lange: Mit der K\u00fcndigung setzt der 41-J\u00e4hrige einen Schlusspunkt hinter sein b\u00fcrgerliches Leben. Er will raus aus K\u00f6ln, raus aus der Gro\u00dfstadt, noch mal von vorne anfangen, auf einer nahezu unbewohnten Pazifikinsel. Floreana. Ein Name wie eine Blume, die den Duft der gro\u00dfen weiten Welt ausstr\u00f6mt.<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter besteigen Wittmer, seine mehr als zehn Jahre j\u00fcngere Frau Margret und Harry, sein zw\u00f6lfj\u00e4hriger Sohn aus erster Ehe, ein Dampfschiff von Amsterdam nach Guayaquil, der Metropole an Ecuadors Westk\u00fcste. Mehrere Wochen dauert die \u00dcberfahrt. Zwei Monate sp\u00e4ter geht die Reise auf einem Segelschiff weiter nach Floreana. Die Insel liegt 1000 Kilometer westlich vom Festland Ecuadors im Pazifik, sie ist eine von \u00fcber 60 Inseln des f\u00fcr seinen Artenreichtum ber\u00fchmten Galapagos-Archipels.<\/p>\n<p>Nach all den Entbehrungen auf\u00a0 ihrer Reise\u00a0 und den gesteckten Erwartungen an das Kleinod Floreana wirkt die grausandige Bucht mit den schwarzen Lavabrocken, in der die Wittmers anlanden, wie eine einzige Entt\u00e4uschung. Keine B\u00e4ume, nur vertrocknete B\u00fcsche s\u00e4umen den Strand, auf dem sich Seel\u00f6wen r\u00e4keln und die Familie mit neugierigen \u201e\u00f6rk\u201c-Lauten empfangen. Margret wird eines Tages notieren: \u201eEinen einsameren Ort als diese Insel habe ich mir nicht vorstellen k\u00f6nnen.\u201c Ihr wird klar, es gibt kein Zur\u00fcck. \u201e20 Mark und ein wenig ecuadorianisches Geld \u2013 das reicht nicht einmal f\u00fcr die R\u00fcckfahrt.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Margret noch an das St\u00fcck Land, das ihre Heimat werden soll, herantastet, schleppen Heinz und Harry die Kisten, S\u00e4cke und Koffer den Strand hinauf. Danach begeben sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz f\u00fcr die Nacht, die nahe am \u00c4quator p\u00fcnktlich um 18 Uhr hereinbricht.<\/p>\n<p>Heute, knapp 80 Jahre sp\u00e4ter, ist der Name der Familie Wittmer den Bewohnern des Galapagos-Archipels ein Begriff. Wer mit dem Flugzeug auf der n\u00f6rdlich von Floreana gelegenen kleinen Insel Baltra landet, einem ehemaligen US-St\u00fctzpunkt, und die Stra\u00dfe nach Puerto Ayora, dem Hauptort auf der Insel Santa Cruz, nimmt, begegnet bereits am Ortseingang dem Schriftzug \u201eRolf Wittmer\u201c. \u201eEine Marke auf Galapagos\u201c, erkl\u00e4rt Miguel Pontas, einer von 280 lizenzierten Naturf\u00fchrern auf Galapagos\u201c, \u201ebekannt f\u00fcr seine Jachttouren und kleinen Kreuzfahrtschiffe\u201c. Rolf Wittmer, der Name des ersten gemeinsamen Kindes von Margret und Heinz.<\/p>\n<p>Margret bringt den Jungen am Neujahrstag 1933 zur Welt. In einer Piratenh\u00f6hle. Zumindest nach offiziellen Dokumenten ist Rolf der erste Mensch, der je auf Floreana geboren wird. Er w\u00e4chst\u00a0 ohne Freunde, Kindergarten oder Schule auf. Sein Klassenraum, das sind die Natur und das \u00dcberleben seiner Familie. Die Eltern und sein Halbbruder Harry bringen ihm bei, was sie f\u00fcr wichtig halten, und das meist zwischen Tomatenernten, Unkrautj\u00e4ten und Fischen: ein bisschen Rechnen, ein wenig Geschichte und eine Riesenportion \u00dcberlebensstrategien. Jahrzehnte sp\u00e4ter wird sich Rolf f\u00fcr die erste Schule auf Floreana, gebaut von den Inselbewohnern, einsetzen und Vorsitzender der Elternvertretung. Und somit erstmals eine Schule von innen erleben. Mit 75 erh\u00e4lt er sein Abschlusszertifikat f\u00fcr die Grundschule. \u201eEin sehr angesehener Mann\u201c, sagt Naturf\u00fchrer Pontas voller Anerkennung. \u201eWittmer hat uns geholfen, unsere Inseln f\u00fcr den Tourismus zu erschlie\u00dfen.\u201c Es ist ein Nachruf, denn im September ist Rolf Wittmer verstorben.<\/p>\n<p>Rolfs Schwester Inge, die vier Jahre nach ihrem Bruder in der ersten selbst gebauten H\u00fctte der Eltern geboren wurde, betreibt bis heute gemeinsam mit ihrer Tochter Erika ein kleines Hotel auf Floreana. \u201eHotel Pension Wittmer\u201c, ein kleines wei\u00dfes H\u00e4uschen, liegt in ebenjener grausandigen Bucht, in der die Eltern vor acht Jahrzehnten an Land gingen. \u00dcber dem Eingang h\u00e4ngt ein Schild mit der Aufschrift \u201eHilf dir selbst, dann hilf dir Gott.\u201c Das Motto von Margret Wittmer, die 2000 im Alter von 96 Jahren auf Floreana verstarb. \u201eAber auch unser Motto\u201c, sagt die 47-j\u00e4hrige Erika, die zur dritten Generation der Einwanderer\u00a0 geh\u00f6rt. Sie spricht flie\u00dfend Deutsch, auch wenn sie erst einmal in die Heimat ihrer Gro\u00dfeltern, nach K\u00f6ln, gereist ist. Die Gewohnheiten sind jedoch st\u00e4rker durch die Familie gepr\u00e4gt als den Ort, an dem man sich befindet. Also bereitet Erika auch heute gerne Rinderbraten zu, wie ihre Mutter und wie fr\u00fcher auch ihre Gro\u00dfmutter Margret.<\/p>\n<p>Die Historie der Wittmers zieht Reisende nach Floreana. Die meisten kommen im Rahmen einer Kreuzfahrt und ankern mit ihren Booten nahe der Postoffice-Bay. Hier, inmitten knorriger B\u00fcsche und auf hellem Sand, steht seit dem 18. Jahrhundert ein Holzfass, die wohl exotischste Postagentur der Welt. Schon Walf\u00e4nger vor 300 Jahren deponierten ihre Briefe in der Tonne, in der Hoffnung, andere Seefahrer n\u00e4hmen sich ihrer an. Selbstredend dauerte die Zustellung oftmals Monate. Heute kommen statt der Walf\u00e4nger vor allem Touristen, die ihre Postkarten mit Seel\u00f6wen- und Blaufu\u00dft\u00f6lpel-Motiven in einer kleinen Plastikt\u00fcte im Fass lassen. Und auf andere Reisende hoffen, die sie mitnehmen.<\/p>\n<p>Wenige Schritte hinter der \u201ePoststation\u201c rosten Metallteile im Sand. Hinterlassenschaften norwegischer Siedler, die in den 1920er-Jahren versucht hatten, eine Fischkonservenfabrik auf Floreana aufzubauen. Sie scheiterten unter anderem an der schlechten Versorgung mit Trinkwasser. Heute sitzen Fregattv\u00f6gel auf den Ruinen, und die Seel\u00f6wen d\u00f6sen\u00a0 in der Sonne.\u00a0 Schon ein Jahrhundert zuvor waren andere Siedler gescheitert, die das auf Floreana wachsende F\u00e4rbermoos kommerziell nutzen wollten. Der Versuch endete j\u00e4h mit der Ermordung des Unternehmers.<\/p>\n<p>Nicht der einzige ungekl\u00e4rte Kriminalfall, der dem Eiland etwas Unheimliches gibt. In den 1930er-Jahren ging Floreana durch die Weltpresse, weil die wenigen Siedler, darunter die Wittmers, aneinandergerieten. 1929 landet der Berliner Zahnarzt Friedrich Ritter mit seiner Geliebten Dore am \u201eBlack Beach\u201c. Der Zivilisationsfl\u00fcchtling aus der Hauptstadt ist zu jener Zeit bekannt f\u00fcr seine kompromisslose Propagierung fleischloser Ern\u00e4hrung und alternativer Lebensweisen. Jahre sp\u00e4ter stirbt der bekennende Vegetarier ausgerechnet an einer Fleischvergiftung. \u00dcber die Frage, ob seine Geliebte ihn vergiftet hat oder nicht, entbrennt ein Streit in deutschen Zeitungen.<\/p>\n<p>In dieser Zeit st\u00f6\u00dft ein obskures Gr\u00fcppchen dazu, angef\u00fchrt von einer angeblichen franz\u00f6sisch-\u00f6sterreichischen Baronin, Eloise Bousquet-Wagner. Die wahrscheinliche Hochstaplerin\u00a0 zettelt Intrigen zwischen den Insulanern an, \u201ebeschlagnahmt\u201c Essensrationen und bem\u00e4chtigt sich Post, die ihr nicht geh\u00f6rt. Zwei Jahre danach sind die Baronin und einer ihrer Liebhaber verschollen, ein anderer wird verdurstet auf einer anderen Insel gefunden.\u00a0 Auch auf die Wittmers f\u00e4llt ein Schatten des Verdachts, aufgekl\u00e4rt wird der Fall jedenfalls nie. Margret Wittmer verarbeitet ihre Erlebnisse und die \u201eGalapagos-Aff\u00e4re\u201c sp\u00e4ter in ihrem Buch \u201ePostlagernd Floreana\u201c, das in Deutschland nur noch antiquarisch zu bekommen ist, auf Galapagos jedoch noch verlegt wird.<br \/>\nVom einzigen Ort auf der Insel, dem verschlafenen Puerto Velasco Ibarra, wo sich im Mini-Hafenbecken Seeschildkr\u00f6ten und schwimmende Echsen tummeln, f\u00fchrt eine Schotterpiste hinauf ins Hochland, das erstaunlich gr\u00fcn und saftig ist und so gar nichts von der knochentrockenen K\u00fcste hat. Es geht vorbei an der Farm der Wittmers, wo ein Verwalter heute Orangen anbaut und K\u00fche h\u00e4lt. Hier siedeln die Wittmers nach ihrer Ankunft. Zuerst in einer H\u00f6hle, in der Margret fast gestorben w\u00e4re, h\u00e4tte der Berliner Friedrich Ritter \u2013 der Zahnarzt \u2013 bei der Geburt Rolfs nicht zum Kaiserschnitt angesetzt. Bald wohnt die Familie in einem selbst gebauten Haus.<\/p>\n<p>Heute geht es f\u00fcr die gut 100 Bewohner der Insel als auch f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung des gesamten Archipels l\u00e4ngst nicht mehr ums nackte \u00dcberleben, wohl aber um die Existenz im Spannungsfeld zwischen Tourismus und Naturschutz. Die H\u00e4lfte aller endemischen Tier- und Pflanzenarten ist noch immer vom Aussterben bedroht, auch wenn die Unesco Galapagos im vergangenen Jahr wieder von der Roten Liste der bedrohten Naturr\u00e4ume gestrichen hat. 25 000 Menschen leben auf den Inseln, erzeugen M\u00fcll und verbrauchen kostbares Trinkwasser. Hinzu kommen nach Angaben der Nationalparkverwaltung 160 000 Touristen im Jahr.<br \/>\nMehr will die Nationalparkverwaltung nicht auf die Inseln lassen. Zudem sollen die Bewohner zu Naturschutz angehalten werden, Floreana gilt hierbei als Vorzeigemodell. Ein Projekt, f\u00fcr das auch die deutsche Gesellschaft f\u00fcr internationale Zusammenarbeit (GIZ) Geld gibt. Bis 2020 sollen alle Inseln sauber sein. So sauber wie Floreana, als die Wittmers vor 80 Jahren das Rheinland in den Pazifik brachten.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 &nbsp; &nbsp; &nbsp; Vor rund 80 Jahren wanderte Adenauers Privatsekret\u00e4r mit seiner Familie von K\u00f6ln auf die Galapagos-Inseln aus &#8211; bis heute pr\u00e4gen\u00a0die Nachfahren dort den Tourismus\u00a0 &nbsp; Eine Reportage von Martin Benninghoff (&#8222;K\u00f6lner Stadtanzeiger&#8222;, 19.11.2011) Die Koffer sind&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=793\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">K\u00f6lsche Eingeborene auf Galapagos<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[127,126],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/793"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=793"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/793\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":826,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/793\/revisions\/826"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}