{"id":841,"date":"2011-12-08T21:45:25","date_gmt":"2011-12-08T19:45:25","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=841"},"modified":"2011-12-08T21:45:25","modified_gmt":"2011-12-08T19:45:25","slug":"nordkorea-offnet-sich-nur-scheinbar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=841","title":{"rendered":"Nordkorea \u00f6ffnet sich nur scheinbar"},"content":{"rendered":"<p>(Erschienen in <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2011-12\/nordkorea-pjoengjang\">&#8222;Zeit.de<\/a>&#8222;, 8.12.2011)<\/p>\n<p><em>Ein Feature von Martin Benninghoff <\/em><\/p>\n<p>Jeden Morgen schultern Soldaten in Nordkoreas monumentaler Hauptstadt Pj\u00f6ngjang die Spaten. Sie ziehen aus, Stra\u00dfenl\u00f6cher auszubessern. Kolonnen dieser Spatensoldaten marschieren dann \u00fcber die breiten Prachtboulevards. \u00dcberall wird gebaut und verputzt w\u00e4hrend Sch\u00fclerinnen in schwarzen Turnanz\u00fcgen \u00fcben auf dem zentralen Kim-Il-sung-Platz f\u00fcr die Paraden im kommenden April, wenn sich das Land selbst feiert. Dann w\u00e4re der &#8222;ewige Pr\u00e4sident&#8220; Kim Il-sung 100 Jahre alt geworden, und sein Sohn, der Diktator Kim Jong-il, braucht den Glanz des Vaters f\u00fcr den Machterhalt. F\u00fcr das Fest aller Feste fliegt sogar die staatliche Air Koryo im April ein paar Mal von Berlin nach Pj\u00f6ngjang \u2013 mit ihren zwei neuen Tupolevs darf sie das nach Jahren des Verbots aus Sicherheitsgr\u00fcnden wieder. Und Ende Oktober er\u00f6ffnete ein Wiener Caf\u00e9 am Kim-Il-sung-Platz.<\/p>\n<p>Man gewinnt den Eindruck, das Land \u00f6ffnet sich ein wenig. Im Vergleich zu fr\u00fcher fahren erstaunlich viele Autos auf den mehrspurigen Alleen, oft schwarze Mercedes. Auch telefonieren viele Hauptst\u00e4dter mit Handys, ebenfalls ein ungewohntes Bild. Frau Song, Reisef\u00fchrerin der staatlichen Tourismusbeh\u00f6rde KITC, l\u00e4sst ihr Mobiltelefon gar nicht mehr aus den Augen. Die 31-J\u00e4hrige, die sich erstaunlich modern kleidet, berichtet gar von Visaerleichterungen f\u00fcr Journalisten. Hinter ihr steht Herr Kim, der zweite Reisef\u00fchrer, der Frau Song kontrolliert, und schaut wie immer skeptisch. Anzeige Korea-Experten halten diese vorsichtige \u00d6ffnung nur f\u00fcr einen kurzzeitigen Augenblick im ewigen Auf und Ab von Reformen und Gegenreformen. &#8222;Keine grunds\u00e4tzliche \u00d6ffnung, \u00fcberhaupt nicht&#8220;, sagt R\u00fcdiger Frank, Professor f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens in Wien.<\/p>\n<p>Eine Antwort auf die Frage, woher denn die kleinen Freiheiten r\u00fchren, gibt es in Person eines \u00c4gypters, ein Mann mittleren Alters, der in der verwaisten Bar des Ausl\u00e4nder-Hotels Yanggakdo sitzt. Er arbeitet f\u00fcr Orascom, eine \u00e4gyptische Holding, die derzeit in die ehemals gr\u00f6\u00dfte Bauruine investiert, das 337 Meter hohe Ryugyong-Hotel im Herzen der Hauptstadt. Mit 3.000 Zimmern sollte es einst das gr\u00f6\u00dfte Hotel der Welt werden, eine gigantische Pyramide aus Beton und Glas zum 80. Geburtstag Kim Il-sungs. Dem Diktator ging 1991 allerdings das Geld aus. Orascom bezahlt nun den Weiterbau der Pyramide, deren bl\u00e4uliche Glasfassade der Hingucker zum F\u00fchrergeburtstag werden soll. &#8222;Mehr als ein paar ausgebaute Etagen wird es aber nicht geben&#8220;, grinst der \u00c4gypter. &#8222;Woher sollen denn all die Hotelg\u00e4ste kommen?&#8220;<\/p>\n<p>Im Gegenzug durfte Orascom das Handynetz Koryolink aufbauen, das mittlerweile in einigen Gro\u00dfst\u00e4dten ganz gut funktioniert. Ein Privileg der Mittelschicht, die R\u00fcdiger Frank auf eine halbe Million Menschen sch\u00e4tzt. F\u00fcr diesen marktwirtschaftlichen Feldversuch hat Kim Jong-il sogar das strikte Reklameverbot gelockert: Wo sonst Slogans wie &#8222;Es fehlt uns an nichts in der Welt&#8220; an den Fassaden stehen, kleben nun die ersten Werbeplakate des Landes. Das Telefonieren beschr\u00e4nkt sich f\u00fcr die normalen Nordkoreaner jedoch weiter aufs Inland. Das Volk ist nach wie vor in den eigenen Grenzen eingebunkert \u2013 und selbst Reisen von A nach B sind nur mit einer Genehmigung m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Wer die Gr\u00fcnde daf\u00fcr wissen m\u00f6chte, f\u00e4hrt am besten zur Sollbruchstelle auf der koreanischen Halbinsel, der Grenze zwischen Nord- und S\u00fcdkorea. D\u00fcster ist die Strecke \u00fcber die fast autofreie Autobahn. Die einzige Rastst\u00e4tte ist kaum zu sehen, als der Bus heranf\u00e4hrt, tritt eine Frau aus der Dunkelheit und leuchtet den Weg zur Toilette mit einer Kerze. Nach einer Nacht in der fast vollst\u00e4ndig dunklen Stadt Kaesong, geht es weiter in die entmilitarisierte Zone, wo die verfeindeten Parteien nach dem blutigen Koreakrieg 1953 einen Waffenstillstandsvertrag unterzeichneten. Ein Oberst der nordkoreanischen Armee, ein junger, zu Witzen aufgelegter Mann, sagt, Nordkorea sei vom S\u00fcden her bedroht. &#8222;Wir w\u00fcnschen uns eine Wiedervereinigung&#8220;, f\u00fcgt er hinzu. Jedoch sei die Kluft bei der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen dem Norden und dem S\u00fcden wesentlich gr\u00f6\u00dfer als seinerzeit zwischen der DDR und der BRD.<\/p>\n<p>W\u00fcrden die Nordkoreaner deshalb im Falle einer Wiedervereinigung nicht massenweise in den viel reicheren S\u00fcden gehen? Der Oberst l\u00e4chelt nachsichtig: &#8222;Wenn die Blockade der Imperialisten abgeschafft ist, dann ist der Norden nicht mehr \u00e4rmer.&#8220; Heimische Produkte sind auf den Weltm\u00e4rkten jedoch nicht einmal ansatzweise konkurrenzf\u00e4hig, wie in der &#8222;Drei-Revolutionen-Ausstellung&#8220; in Pj\u00f6ngjang unschwer zu erkennen ist: In heruntergekommenen Messehallen werden medizinische Ger\u00e4te, Motoren und Konsumg\u00fcter pr\u00e4sentiert, die selbst ein Laie als v\u00f6llig veraltet erkennt. Und die Versorgung mit Lebensmitteln ist prek\u00e4r: Das Regime verteilt Sch\u00e4tzungen zufolge nur noch 200 bis 300 Gramm Reis pro Person und Tag, und den Rest zum \u00dcberleben m\u00fcssen sich die Menschen auf M\u00e4rkten besorgen oder selbst anbauen. In Pj\u00f6ngjang pflanzen manche ihren Kohl sogar in stillgelegten Industrieanlagen, viele funktionieren ihren Balkon zum H\u00fchnerstall um. Nur wer Devisen hat, am liebsten Euro, kann sich Importprodukte leisten \u2013 &#8222;Meica W\u00fcrstchen&#8220; bringt die deutsche Firma Helia ins Land.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen, die man abseits Pj\u00f6ngjangs auf dem Land und den Stra\u00dfen sieht, sind d\u00fcrr und klein. Das Hungerleid hier sieht anders aus als in Afrika: Keiner liegt auf der Stra\u00dfe, Hungerb\u00e4uche oder \u00e4hnliche Symptome des Mangels sind nicht zu sehen. Der Hunger in Nordkorea ist ein zur\u00fcckhaltender, aber stetiger Begleiter. Er treibt die Landbev\u00f6lkerung ohne Unterlass an, sich etwas zu essen zu beschaffen. Die K\u00f6lner Hilfsorganisation Cap Anamur schickte auf Wunsch der nordkoreanischen Botschaft in Berlin in diesem Jahr Hunderte Tonnen Reis und Bohnen. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Bernd G\u00f6ken \u00fcberwachte pers\u00f6nlich die Verteilung der Lebensmittel an unterern\u00e4hrte Kinder und konnte seltene Einblicke in private Wohnungen nehmen: &#8222;Da war nichts&#8220;, sagt er. &#8222;Es h\u00e4ngen zwei Bilder der F\u00fchrer, ein Teppich liegt auf dem Boden, es gibt eine gemauerte Feuerstelle, daneben zwei R\u00e4ume mit einer K\u00fcche.&#8220; Auf dem Land sieht man h\u00e4ufig Bauern mit blo\u00dfen H\u00e4nden im Erdreich w\u00fchlen, einige haben Spaten, andere einen Ochsen vor den Pflug gespannt. Traktoren meist Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Trotz der prek\u00e4ren Lage gehen Korea-Kenner nicht von einer organisierten Opposition aus, dazu sei das System zu repressiv. Versteckte Versammlungsorte, Kirchengemeinden mit unkontrolliertem Eigenleben, Internet, Facebook und Twitter \u2013 alles unm\u00f6glich in Nordkorea. R\u00fcdiger Frank meint, es seien wenigstens DVDs mit oppositionellen Inhalten im Umlauf, mehr wisse man aber nicht. Und Armin Herdegen, der an der Kim-Il-sung-Universit\u00e4t in Pj\u00f6ngjang f\u00fcnf Jahre lang Deutsch lehrte, durfte seinen Studenten nicht einmal Fotos aus S\u00fcdkorea zeigen. Das Regime indoktriniert schon die Kinder: An der Kim-Il-sung-Schule in Pj\u00f6ngjang, einer Sekundarschule f\u00fcr die Privilegierten, lernen sie \u2013 wie \u00fcberall im Land \u2013 die Staatsideologie &#8222;Juche&#8220; als Unterrichtsfach Nummer eins. Die Sch\u00fcler besuchen von acht bis 13 Uhr die Schule, und nach dem Mittag geht es in die Kinderbetreuung, wo sie bis zur Perfektion Musikinstrumente oder Tanzen lernen. Hochzeitspaare steuern wie selbstverst\u00e4ndlich nach der Unterschrift auf dem Amt eine Kim-Il-sung-Statue an, um sich den Segen des Gro\u00dfen F\u00fchrers abzuholen. In den drei staatlichen TV-Kan\u00e4len wurde \u00fcber Gadhafis Sturz nur berichtet, er sei selbst schuld an seinem Ende, weil er mit dem Westen paktierte statt sein Atomprogramm auszubauen. Und jeden Samstagnachmittag m\u00fcssen die Erwachsenen, vom kleinen Angestellten zum Professor, zur ideologischen Schulung gehen.<\/p>\n<p>Kim Jong-ils Griff ums Land ist nicht schw\u00e4cher geworden, es erstickt f\u00f6rmlich am Personenkult der Kims. Zumindest jetzt noch: &#8222;Wenn man die Ahnenreihe weitergeht, werden die folgenden Personen an Strahlkraft einb\u00fc\u00dfen&#8220;, sagt Korea-Forscher R\u00fcdiger Frank. Kim Il-sung werde als eine Art Gott gesehen, Kim-Jong-il als Apostel und sein Sohn Kim Jong-un \u2013 der wahrscheinliche Nachfolger \u2013 als Papst. Noch zehren beide vom Ruf des Vaters und Gro\u00dfvaters. Die Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung spielen in diesem Kalk\u00fcl jedoch keine Rolle: &#8222;Ich w\u00fcrde so gerne mal nach England reisen&#8220;, sagt die Reisef\u00fchrerin Frau Song abends in der Karaoke-Bar. Da ist ihr strenger Partner Herr Kim schon im Bett. Endlich kann sie frei sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erschienen in &#8222;Zeit.de&#8222;, 8.12.2011) Ein Feature von Martin Benninghoff Jeden Morgen schultern Soldaten in Nordkoreas monumentaler Hauptstadt Pj\u00f6ngjang die Spaten. Sie ziehen aus, Stra\u00dfenl\u00f6cher auszubessern. 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