{"id":861,"date":"2011-12-20T10:56:05","date_gmt":"2011-12-20T08:56:05","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=861"},"modified":"2011-12-20T10:56:05","modified_gmt":"2011-12-20T08:56:05","slug":"das-elende-erbe-des-kim-jong-il","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=861","title":{"rendered":"Das elende Erbe des Kim Jong-il"},"content":{"rendered":"<p><em>(Erschienen in:<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/das-elende-erbe-des-kim-jong-il\/5974134.html\"> Handelsblatt.de<\/a>, 19.12.2011)<\/em><\/p>\n<p><em>Nordkoreas verstorbener Diktator Kim Jong Il hat sein Land zu Grunde gewirtschaftet. Selbst winzige Reformen stie\u00dfen bei ihm auf Argwohn. Eine Reise durch ein bitterarmes Land, dem die Perspektive fehlt.<\/em><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Nirgendwo wird der Unterschied zwischen dem verarmten Nordkorea und dem im Vergleich prosperierenden China deutlicher als an der Grenze beider Staaten: Die futuristische Skyline der chinesischen Grenzstadt Dandong glitzert in der Mittagsonne, w\u00e4hrend Nordkoreas Pendant auf der anderen Seite des Grenzflusses Yalu, Sinuiju, wie ein Gegenentwurf wirkt: Grau in Grau rahmen halbverfallene Betongeb\u00e4ude eine uralte Kirmes ein, die am Ufer vor sich hin gammelt. Nur ein Steinwurf voneinander entfernt, und doch erscheinen beide L\u00e4nder wie zwei Welten. \u201eMich erinnert Nordkorea sehr an das China Maos\u201c, erkl\u00e4rt ein Gesch\u00e4ftsmann aus Shanghai, der im Zug von Peking nach Pj\u00f6ngjang sitzt. L\u00e4ngst ist die Fahrt nach Nordkorea auch f\u00fcr Chinesen ein Trip ins realsozialistische Freilichtmuseum geworden.<\/p>\n<p>Das Regime um den Diktator Kim Jong Il m\u00f6chte diese Seiten seines verarmten Landes \u00a0westlichen Ausl\u00e4ndern am liebsten vorenthalten. Viele Besucher \u2013 erst recht Amerikaner, die nur direkt nach Pj\u00f6ngjang fliegen, nicht aber den Zug nehmen d\u00fcrfen \u2013 bleiben meist im \u201eSchaufenster\u201c Nordkoreas, der vergleichsweise modernen Hauptstadt Pj\u00f6ngjang. Dort feiert sich Nordkorea im kommenden Jahr selbst, wenn Kim Jong Ils Vater Kim Il Sung, laut Verfassung \u201eewiger Pr\u00e4sident\u201c, 100 Jahre geworden w\u00e4re. Sein Sohn braucht den Glanz des Vaters zum eigenen Machterhalt. Damit das Geburtstagsspektakel mit den typischen Paraden und Ausstellungen die eigene Bev\u00f6lkerung \u00fcberhaupt noch beeindrucken kann, braucht es Ausl\u00e4nder in der Stadt. Die nationale Fluggesellschaft \u201eAir Koryo\u201c fliegt deshalb sogar ein paar Mal von Berlin nach Pj\u00f6ngjang \u00a0\u2013 nach einem jahrelangen Verbot aus Sicherheitsgr\u00fcnden darf sie das mit ihren beiden neuen Tupolevs wieder.<\/p>\n<p>Wer nur Pj\u00f6ngjang sieht, k\u00f6nnte tats\u00e4chlich auf die Idee kommen, dem Land gehe es wirtschaftlich besser und die Menschen seien freier als noch vor ein paar Jahren. Im Vergleich zu fr\u00fcher fahren erstaunlich viele Autos auf den stalinistischen Prachtboulevards der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole. Man sieht mehr Menschen mit ihren Handys telefonieren, und auch das 337 Meter hohe \u201eRyugyong\u201c-Hotel, das fast 20 Jahre lang als Baus\u00fcnde die Stadt verschandelte, erstrahlt nun mit blauer gl\u00e4serner Fassade.<\/p>\n<p>Mit 3000 Zimmern sollte es einst das gr\u00f6\u00dfte Hotel der Welt werden, bis dem \u201egro\u00dfen F\u00fchrer\u201c 1991 das Geld ausging. Nun investiert die \u00e4gyptische Holding Orascom in den Weiterbau, die daf\u00fcr die Erlaubnis von Kim Jong Il bekommen hat, das Handynetz \u201eKoryolink\u201c aufzubauen und zu betreiben. Handys sind die absolute Neuheit auf Pj\u00f6ngjangs Stra\u00dfen und sicher auch ein Privileg der Mittelschicht, die der renommierte Korea-Forscher R\u00fcdiger Frank von der Universit\u00e4t Wien auf eine halbe Million Menschen sch\u00e4tzt. An den Bushaltestellen kleben sogar Werbeplakate, wo vorher nur Propagandaspr\u00fcche standen. Nach Angaben Orascoms sind mehr als 430.000 Handyvertr\u00e4ge verkauft worden \u2013 jetzt peilt das Unternehmen die Millionengrenze an.<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten Nordkoreaner beschr\u00e4nkt sich das Telefonieren jedoch aufs Inland. Kim Jong Il geht es ohnehin mehr um Standortpolitik als um die Freiheiten seiner B\u00fcrger: In einer Umfrage unter chinesischen Unternehmern im Land monierten 84 Prozent die desastr\u00f6sen Telefonverbindungen, die das Gesch\u00e4ftemachen erschwerten. Bei 24 Millionen Einwohnern existieren gerade mal 1,1 Millionen Festnetzanschl\u00fcsse \u2013 und Ausl\u00e4nder zahlen 600 Euro f\u00fcr einen Breitbandanschluss im Monat, erz\u00e4hlt Armin Herdegen, der f\u00fcr den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) bis zum Sommer diesen Jahres in Pj\u00f6ngjang arbeitete.<\/p>\n<p>Kims Standortpolitik ist der planwirtschaftliche Versuch, etwas mehr Dynamik in die Wirtschaft zu bringen. Der Au\u00dfenhandel zeigt nach wie vor ein chronisches Defizit, das Land leidet an einem dramatischen Devisenmangel. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner lag in 2009 nach Angaben der \u201eBank of Korea\u201c bei nur noch 960 US-Dollar \u2013 auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Damit ist die Kluft zwischen Nord- und S\u00fcdkorea heute vielfach gr\u00f6\u00dfer als seinerzeit zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Die Produkte in den L\u00e4den, aber auch in den Messehallen der \u201eDrei-Revolutionen-Ausstellung\u201c in Pj\u00f6ngjang sind hoffnungslos veraltet, wie man auch als Laie unschwer erkennen kann. Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa fielen wichtige Handelspartner weg, die Wirtschaft kam zum Erliegen. Eine gescheiterte W\u00e4hrungsreform vor zwei Jahren besch\u00e4digte zudem den innerkoreanischen Handel und trieb die Inflation in die H\u00f6he. Immerhin ist dort ein modernes Auto der Marke \u201ePyeonghwa\u201c ausgestellt, das Produkt eines s\u00fcd- und nordkoreanischen Joint Ventures unter Beteiligung der Moon-Sekte.<\/p>\n<p>Als Folge der Wirtschaftskrise f\u00fchrte das Regime vor zehn Jahren marktwirtschaftliche Reformen ein, wie etwa die Erlaubnis zur Gr\u00fcndung kleiner Dienstleistungsunternehmen. Seit 2005 f\u00e4hrt Kim Jong Il die Reformen jedoch zur\u00fcck: Einige meinen sogar, er wolle sie bis zu den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag seines Vater im kommenden Jahr g\u00e4nzlich kassieren, was nach Ansicht von R\u00fcdiger Frank gar nicht mehr funktioniert: \u201eIn den K\u00f6pfen hat ein enormer, und wie ich meine, irreversibler Wandel stattgefunden.\u201c Die Menschen machen sich heute Gedanken \u00fcber Geld und fragen sich, was sie verkaufen k\u00f6nnen. \u201eVor 20 Jahren konnte kaum jemand etwas mit Handel anfangen.\u201c<\/p>\n<p>Freie M\u00e4rkte existieren nach wie vor. Sie sind f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung lebenswichtig, dem Regime jedoch ein Dorn im Auge: \u201eDeshalb schikaniert man H\u00e4ndler auf kleineren freien M\u00e4rkten\u201c, sagt Hanns G\u00fcnther Hilpert, Asienforscher der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). \u201eDie Angst ist da, dass eine wirtschaftliche Liberalisierung zu mehr politischen Freiheiten f\u00fchrt.\u201c Deshalb versucht das Regime, Investoren mit Billigl\u00f6hnen in Sonderwirtschaftszonen zu locken, die es gut kontrollieren kann und wo nur wenige Kontakte zu Einheimischen bestehen. Doch einzig das Industriegebiet von Kaesong nahe der Grenze zu S\u00fcdkorea zieht bislang ausl\u00e4ndische Investoren in gr\u00f6\u00dferem Stil an, andere Gebiete bleiben hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Von den Pl\u00e4nen einer Sonderwirtschaftszone in Sinuiju an der chinesischen Grenze h\u00f6rt man aktuell nur noch wenig.<\/p>\n<p>Solange die Landwirtschaft selbst unter guten Bedingungen nur maximal 80 Prozent der Grundnahrungsmittel liefern kann und die Industrie am Boden liegt, bleibt die Misere der Versorgungslage bestehen. Nach Sch\u00e4tzungen verteilt der Staat t\u00e4glich 200 bis 300 Gramm Reis pro Person. Den Rest besorgen sich die Menschen auf den M\u00e4rkten, wenn sie Geld haben, oder aus dem eigenen K\u00fcchengarten. In Pj\u00f6ngjang pflanzen die Bewohner ihren Kohl sogar in stillgelegten und verrotteten Industrieanlagen an, viele funktionieren ihren Balkon zum H\u00fchnerstall um. Nur wer Devisen im Portemonnaie hat, kann sich Importprodukte leisten: In der Hauptstadt verkauft ein Supermarkt deutsche Produkte, wie \u201eMeica W\u00fcrstchen\u201c oder \u201eBalea Haarwachs\u201c. Importeur ist die deutsche Firma Helia. Auch der Hamburger Holz- und Papierh\u00e4ndler Gratenau und Hesselbacher kann sich ein Engagement in Nordkorea vorstellen, Vertreter waren k\u00fcrzlich auf einer Messe in Pj\u00f6ngjang, wor\u00fcber die Propaganda-Zeitung \u201ePj\u00f6ngjang Times\u201c gleich euphorisch berichtete.<\/p>\n<p>Das alles sind jedoch kaum mehr als einzelne marktwirtschaftliche Vorst\u00f6\u00dfe in einem Land, dessen F\u00fchrer um die Macht seines wahrscheinlichen Nachfolgers und Sohnes Kim Jong Un f\u00fcrchtet \u2013 und damit um die Macht seiner Familie. \u201eWenn man die Ahnenreihe weitergeht, werden die folgenden Personen an Strahlkraft einb\u00fc\u00dfen\u201c, sagt R\u00fcdiger Frank. Kim Il Sung werde als eine Art Gott gesehen, Kim Jong Il als Apostel und Kim Jong Un als Papst. \u201eReformen bringen zwangsl\u00e4ufig auch politische und \u00f6konomische Risiken mit sich\u201c, sagt R\u00fcdiger Frank. Kim Jong Il baut deshalb lieber auf den Personenkult um seinen verstorbenen Vater statt auf marktwirtschaftliche Experimente.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erschienen in: Handelsblatt.de, 19.12.2011) Nordkoreas verstorbener Diktator Kim Jong Il hat sein Land zu Grunde gewirtschaftet. Selbst winzige Reformen stie\u00dfen bei ihm auf Argwohn. Eine Reise durch ein bitterarmes Land, dem die Perspektive fehlt. Von Martin Benninghoff Nirgendwo wird der&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=861\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Das elende Erbe des Kim Jong-il<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[135,136,305],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/861"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=861"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":866,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/861\/revisions\/866"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}