{"id":867,"date":"2011-12-20T11:37:18","date_gmt":"2011-12-20T09:37:18","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=867"},"modified":"2011-12-20T11:37:55","modified_gmt":"2011-12-20T09:37:55","slug":"die-ersten-hundert-jahre-des-ewigen-prasidenten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=867","title":{"rendered":"Die ersten hundert Jahre"},"content":{"rendered":"<div id=\"ZurichHomeCreativeDiv\"><em>(Erschienen im <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1324170259554\/Reportage-Die-ersten-hundert-Jahre-des-Ewigen-Praesidenten\">&#8222;Wiener Standard<\/a>&#8222;, \u00d6sterreich, am 20.12.2011)<\/em><\/div>\n<div>\u00a0<\/div>\n<div><em>Nordkorea feiert im kommenden April den 100. Geburtstag von Machthaber Kim Il-sung. Der Vater des am Wochenende verstorbenen Diktators Kim Jong-il ist noch heute omnipr\u00e4sent<\/em><\/div>\n<div id=\"documentCanvas\">\n<div id=\"objectContent\">\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Schon seit Monaten putzt sich Pj\u00f6ngjang heraus: An jeder Ecke werden die Fassaden der heruntergekommenen Plattenbauten gestrichen. Auf dem Kim-Il-sung-Platz im Zentrum strecken und dehnen sich Sch\u00fclerinnen in schwarzen Gymnastikanz\u00fcgen zur Marschmusik, die aus einem antiquierten Kassettenrekorder her\u00fcberschallt. Die M\u00e4dchen \u00fcben f\u00fcr eine Parade &#8211; nicht f\u00fcr irgendeine, sondern f\u00fcr eine Parade zu Ehren des &#8222;Gro\u00dfen F\u00fchrers&#8220; Kim Il-sung, der laut Verfassung &#8222;Ewiger Pr\u00e4sident&#8220; Nordkoreas ist, obwohl er 1994 an einer Herzattacke verstarb.<\/p>\n<p>An ihm kommt bis heute keiner vorbei &#8211; kein Entrinnen, kein Fluchtgedanke. In jedem Provinzdorf eine riesenhafte Statue, die nachts im Licht erstrahlt, derweil die H\u00e4user in der Dunkelheit des Strommangels versinken.<\/p>\n<p>Kim Il-sung w\u00e4re im April 2012 100 Jahre alt geworden &#8211; noch heute \u00fcberstrahlt der Diktator alles und jeden, auch seinen Sohn, den am Wochenende verstorbenen Kim Jong-il. Dieser brauchte stets den Glanz des Vaters, um selbst Macht aus\u00fcben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Pj\u00f6ngjang mit seinen mehr als drei Millionen Einwohnern wird beim kommenden Jubil\u00e4um als Aufmarschplatz f\u00fcr die Paraden, Massengymnastik und die Ausstellungen mit den eigens gez\u00fcchteten Nationalblumen <em>Kimilsungia<\/em> und <em>Kimjongilia<\/em> dienen. Eine Stadt, deren vielspurige Stra\u00dfen mehr der Prachtdemonstration als dem Verkehr dienen.<\/p>\n<p>Die Anreise aus Peking erfolgt mit dem Zug und dauert knapp 30 Stunden, vier Stunden l\u00e4nger, als der Fahrplan vorsieht. Auf den letzten 250 Kilometern kriecht der Zug mehr, als er f\u00e4hrt. Immer wieder bleibt er stehen, weil die marode Oberleitung kaum genug Strom liefert, um die alte Sowjet-Lok anzutreiben. Die au\u00dferplanm\u00e4\u00dfigen Stopps erlauben immerhin kurze Streifz\u00fcge an der Bahntrasse entlang, vorbei an Bauern, die mit alten Spaten oder blo\u00dfen H\u00e4nden im Erdreich w\u00fchlen. Einer findet ein paar Kartoffeln und steckt sie in die Jackentasche.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wie China unter Mao&#8220; <\/strong><\/p>\n<p>Einige Stunden zuvor in der chinesischen Grenzstadt Dandong: Die futuristische Skyline glitzert in der Mittagssonne, Chinesen flanieren an der schicken Uferpromenade und wagen einen Blick \u00fcber den Fluss Yalu nach Nordkorea, das, wie ein Gesch\u00e4ftsmann aus Schanghai erz\u00e4hlt, &#8222;sehr an China unter Mao erinnert&#8220; &#8211; ein Trip ins realsozialistische Freilichtmuseum. &#8222;Chinas Z\u00f6llner sind besonders freundlich&#8220;, lacht der Chinese, &#8222;um sich von den Nordkoreanern abzugrenzen.&#8220;<\/p>\n<p>Sinuiju, die Stadt auf der nordkoreanischen Seite, wirkt wie ein Gegenentwurf: graue Betongeb\u00e4ude, seit Jahrzehnten nicht mehr renoviert. Der Z\u00f6llner, \u00fcberhaupt nicht unfreundlich, \u00f6ffnet Reisetaschen, inspiziert Kameras und Laptops. &#8222;Internet?&#8220;, fragt er. Nein, also nickt er zufrieden. Das Handy wird in dickes Klebeband gewickelt und mit einem amtlichen Stempel versiegelt. Auspacken darf man es erst wieder bei der Ausreise aus dem Land.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Abend erreicht der Zug den Bahnhof von Pj\u00f6ngjang, der stark an die Kulisse eines Kriegsheimkehrer-Epos erinnert: Frauen und M\u00e4nner &#8211; viele tragen Uniformen &#8211; stehen in einer langen Schlange vor einem Posten, der akribisch die Papiere kontrolliert. Sie d\u00fcrfen nicht einfach von A nach B reisen: Dazu ben\u00f6tigen sie eine Genehmigung, die sie nur f\u00fcr einen triftigen Grund bekommen &#8211; etwa die Hochzeit der Schwester. Auch Ausl\u00e4nder d\u00fcrfen sich nicht frei bewegen, sie werden auf Schritt und Tritt von Guides begleitet.<\/p>\n<p>Ein bisschen Freiheit darf man dann doch genie\u00dfen: Auf einer kleinen Insel im Fluss Taedong steht eines von zwei Luxushotels f\u00fcr Ausl\u00e4nder: das Yanggakdo. 47 Stockwerke mit einem Panoramarestaurant auf dem Dach, das sich aber wegen des Strommangels nur selten dreht. Neuerdings ist hier der englische Sender BBC zu empfangen, auch Telefonate nach Europa sind m\u00f6glich: zw\u00f6lf Euro f\u00fcr drei Minuten.<\/p>\n<p>Au\u00dfer zum Arirang Festival, einer Massengymnastik-Veranstaltung im Fu\u00dfballstadion, kommen nur wenige Ausl\u00e4nder nach Nordkorea: 5000 bis 6000 Europ\u00e4er und Amerikaner im Jahr. Es sollen mehr werden: F\u00fcr das Geburtstagsspektakel im n\u00e4chsten Jahr will die Fluggesellschaft Air Koryo sogar nach Berlin fliegen &#8211; und zwar mit neuen Tupolevs, zuvor hatte die Airline aus Sicherheitsgr\u00fcnden EU-Einreiseverbot.<\/p>\n<p>Auch ausl\u00e4ndische Investoren trifft man vereinzelt an, etwa einen Manager, der f\u00fcr die \u00e4gyptische Orascom arbeitet. Die Holding investiert in die gr\u00f6\u00dfte Ruine Nordkoreas, das 337 Meter hohe Ryugyong-Hotel im Herzen Pj\u00f6ngjangs. Mit 3000 Zimmern sollte es einmal das gr\u00f6\u00dfte Hotel der Welt werden &#8211; eine gigantische Pyramide aus Beton und Glas, urspr\u00fcnglich geplant f\u00fcr den 80. Geburtstag Kim Il-sungs 1992 &#8211; doch dem &#8222;Gro\u00dfen F\u00fchrer&#8220; ging 1991 das Geld aus.<\/p>\n<p>Orascom bezahlt nun den Weiterbau der Pyramide, deren bl\u00e4uliche Glasfassade ein Hingucker werden soll. &#8222;Mehr als ein paar ausgebaute Etagen wird es aber nicht geben&#8220;, erz\u00e4hlt der Manager. &#8222;Wo sollen auch all die Hotelg\u00e4ste herkommen?&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr Orascom ist das Riesenhotel kaum mehr als eine Investition f\u00fcr einen anderen Deal: Das Unternehmen durfte das nordkoreanische Handynetz Koryolink aufbauen, das in einigen Gro\u00dfst\u00e4dten gut funktioniert. Man sieht etliche Menschen mit Handys &#8211; ein Privileg der Mittelschicht. F\u00fcr den Erfolg dieses marktwirtschaftlichen Feldversuchs hat das Regime sogar das Werbeverbot gelockert. Wo sonst nur Slogans wie &#8222;Es fehlt uns an nichts&#8220; an den Fassaden stehen, kleben nun Nordkoreas erste kommerzielle Werbeplakate.<\/p>\n<p>Es sieht jedoch nicht danach aus, dass aus diesen kleinen Freiheiten demn\u00e4chst gr\u00f6\u00dfere erwachsen k\u00f6nnten. Die Menschen sind nach wie vor im propagandistischen W\u00fcrgegriff: Sie arbeiten an sechs Tagen pro Woche; alle Angestellten m\u00fcssen am Samstag zur &#8222;politischen Schulung&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Besuch am Sarkophag <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Propaganda und die Hundertjahrfeier Kim Il-sungs ist der ehemalige Pr\u00e4sidentenpalast das Herzst\u00fcck, gleichsam ein ersatzreligi\u00f6ser Schrein: Bis man am Sarkophag des &#8222;Gro\u00dfen F\u00fchrers&#8220; ankommt, legt man hunderte Meter auf Laufb\u00e4ndern durch Marmors\u00e4le zur\u00fcck, beschallt durch martialische Marschmusik.<\/p>\n<p>Die Nordkoreaner tragen ihre besten Kleider. In Gruppen durchschreiten sie einen Windkanal, der die Kleidung vom Stra\u00dfenstaub befreit. In dem Saal dahinter sind Licht und Musik ged\u00e4mpft. Keiner spricht, keiner fl\u00fcstert. Ein paar Koreaner weinen leise am Sarg Kim Il-sungs, dessen Leichnam aufgebahrt ist, halb bedeckt von der Flagge der Kommunistischen Partei. Jeder muss den Sarg umrunden und sich dreimal verbeugen.<\/p>\n<p>Ein Kult, der sich beim nun verstorbenen Kim Jong-il und sp\u00e4ter einmal bei dessen wahrscheinlichem Nachfolger Kim Jong-un wohl verfl\u00fcchtigen wird. (DER STANDARD Printausgabe, 20.12.2011)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erschienen im &#8222;Wiener Standard&#8222;, \u00d6sterreich, am 20.12.2011) \u00a0 Nordkorea feiert im kommenden April den 100. Geburtstag von Machthaber Kim Il-sung. 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