{"id":880,"date":"2011-12-29T14:38:53","date_gmt":"2011-12-29T12:38:53","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=880"},"modified":"2011-12-29T14:38:53","modified_gmt":"2011-12-29T12:38:53","slug":"china-hat-es-vorgemacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=880","title":{"rendered":"China hat es vorgemacht"},"content":{"rendered":"<p><em>Der neue Kim an der Spitze Nordkoreas muss zun\u00e4chst seine Macht festigen, indem er die Strategie seines Vaters fortsetzt. Ein mittelfristiger Ausweg aus der Isolation k\u00f6nnte das chinesische Modell sein<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Kommentar von Martin Benninghoff <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1325160103600.shtml\">(erschienen bei KSTA.de)<\/a><\/em><\/p>\n<p>Zugegeben: Die weinenden Menschen bei der Trauerzeremonie um den gestorbenen Diktator Kim Jong Il wirken f\u00fcr westliche Augen \u00e4u\u00dferst skurril, die Propaganda l\u00e4cherlich, das politische und wirtschaftliche System wie aus einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit. Die Inszenierung l\u00e4sst einen ungl\u00e4ubig zur\u00fcck: Ja, wo gibt es denn so etwas noch? Und wer f\u00e4llt darauf rein? Am ehesten noch lassen sich die Bilder aus Pj\u00f6ngjang mit jenen schiitischer Muslime vergleichen, die sich einmal im Jahr auf offener Stra\u00dfe selbst gei\u00dfeln, auf dass das Blut nur so flie\u00dft. Zur\u00fcck bleiben westliche Beobachter, die die Bilder nicht fassen k\u00f6nnen, aber wenig \u00fcber die Zust\u00e4nde vor Ort erfahren. Besonders schwer wiegt das im Falle Nordkoreas, wo sich in den letzten Tagen eben nicht nur ein religi\u00f6ses Ritual abspielte, sondern bitterer Ernst f\u00fcr die knapp 24 Millionen Menschen, die seit Jahrzehnten praktisch von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten sind.<\/p>\n<p>Leider gibt es bislang keinerlei Hinweis, dass sich mit dem neuen F\u00fchrer irgendetwas f\u00fcr die Nordkoreaner verbessern wird. Kim Jong Un wurde nun offiziell zum \u201eobersten F\u00fchrer\u201c ernannt, die Partei und das Milit\u00e4r haben sich offiziell zu ihm als F\u00fchrer bekannt. Dabei wird Kim Jong Un vorerst nur die Galionsfigur eines K\u00fcchenkabinetts, in dem sein Onkel Jang Song Thaek, ein Vertrauter des gestorbenen Diktators Kim Jong Il, das Sagen haben wird.<\/p>\n<p>Inwieweit und wie schnell Kim Jong Un sich aus der Umklammerung herausarbeiten wird und in Zukunft als uneingeschr\u00e4nkter Herrscher fungieren wird? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner seri\u00f6s beantworten. Halbwegs sicher ist nur, dass er zun\u00e4chst seine Macht festigen muss, indem er die Ping-Pong-Strategie seines Vaters fortsetzt, und die sieht so aus: Er droht den USA, S\u00fcdkorea und Japan \u2013 und damit der gesamten \u201ewestlichen\u201c Staatengemeinschaft nebst der Verb\u00fcndeten \u2013 mit der Atombombe. Damit zwingt er die M\u00e4chte an den Verhandlungstisch, wo er im Gegenzug daf\u00fcr, dass er seine Drohung zur\u00fccknimmt, Lebensmittel- und Brennstofflieferungen erpresst. Als Beweis der Entschlusskraft feuert er eine Mittelstreckenrakete in Richtung Japan oder S\u00fcdkorea.<\/p>\n<p>Durch diese Strategie \u2013 zusammen mit dem Buhlen um Investitionen aus China und Russland \u2013 wird er versuchen, den Weg der Selbstisolation weiterzugehen. Tiefgreifende Wirtschaftsreformen sind vorerst nicht zu erwarten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Nordkoreaner ist das eine \u00e4u\u00dferst schlechte Nachricht. Umso mehr sollte Deutschland als f\u00fchrende Wirtschaftsnation in Europa seinen Einfluss nutzen, um Druck auf Kim Jong Uns wichtigste Steigb\u00fcgelhalter China und Russland auszu\u00fcben. Leider sieht \u201eDruck\u201c bislang so aus: Deutschland er\u00f6ffnet Menschenrechtsdialoge, und nichts \u00e4ndert sich am Status Quo. China und Russland verfolgen derweil knallhart ihre nationalen Interessen weiter, indem sie das Regime st\u00fctzen. Beide L\u00e4nder, die an Nordkorea grenzen, setzen alles daran, von einem nordkoreanischen Fl\u00fcchtlingsproblem verschont zu bleiben. Au\u00dferdem f\u00fcrchten sie den Zusammenbruch des Landes, weil dann die in S\u00fcdkorea stationierten US-Soldaten an ihren Grenzen st\u00fcnden. China und Russland lassen deshalb alles so, wie es ist, und forcieren nur den Handel mit Nordkorea.<\/p>\n<p>Statt also nur das Reizwort \u201eMenschenrechte\u201c in Peking und Moskau gebetsm\u00fchlenartig zu wiederholen, sollte Deutschland beiden L\u00e4ndern klarmachen, dass ein Wandel in Nordkorea in ihrem Interesse liegt. Denn so wie Nordkorea derzeit wirtschaftet \u2013 es lebt von der eigenen Substanz, die Infrastruktur ist gr\u00f6\u00dftenteils zerst\u00f6rt, Rohstoffe fehlen -, wird es nicht in alle Ewigkeiten weitergehen. Wenn auch nicht heute oder morgen: Nordkorea wird eines Tages einen Umbruch erleben, der dann eher einer Explosion als einem Wandel gleicht. Und dann kommt es kn\u00fcppeldick f\u00fcr Russland und China.<\/p>\n<p>Ein allm\u00e4hlicher Wandel Nordkoreas liegt daher im Interesse der beiden L\u00e4nder. Und das Modell daf\u00fcr ist China. Wenn man bedenkt, dass Chinas Vergangenheit unter Mao \u00e4hnlich aussah wie heute Nordkorea, ist die Entwicklung des Landes seit Deng Xiaoping atemberaubend. Verglichen mit damals hat das Land eine funktionierende Zivilgesellschaft, von einem viel besseren Lebensstandard ganz zu schweigen. Klar, China ist noch immer autokratisch regiert. Aber w\u00e4re Nordkorea heute so wie China, w\u00fcrde man sich weniger Sorgen machen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Kim an der Spitze Nordkoreas muss zun\u00e4chst seine Macht festigen, indem er die Strategie seines Vaters fortsetzt. 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