{"id":895,"date":"2012-02-20T19:19:17","date_gmt":"2012-02-20T17:19:17","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=895"},"modified":"2012-02-20T19:19:17","modified_gmt":"2012-02-20T17:19:17","slug":"kamelle-mit-donergeschmack","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=895","title":{"rendered":"Kamelle mit D\u00f6nergeschmack"},"content":{"rendered":"<div>\u00a0<em>Reportage, erschienen im <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/\">&#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220;<\/a> am 16.02.2011<\/em><\/div>\n<div>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich platzt das Thema, das bereits seit einer halben Stunde unerw\u00e4hnt durch den Raum wabert, mit einem schrillen Telefongebimmel in die Unterhaltung: Integration und Zuwanderung. Ramazan Yagan springt auf und hechtet quer durch sein karges Kellerb\u00fcro in einem Neusser Einfamilienhaus zum H\u00f6rer. \u201eJa klar\u201c, h\u00f6rt man ihn sagen, \u201eam soundsovielten? Kein Problem! Wir kommen. Gerne! Auf Wiederh\u00f6ren!\u201c Er legt auf, das Gespr\u00e4ch ist kurz, sein Gesicht zeigt Zufriedenheit. \u201eDas war der Integrationsausschuss\u201c, sagt er, \u201edie wollen, dass wir bei einer ihrer Sitzungen vorbeikommen und unseren Verein vorstellen.\u201c<\/p>\n<p>Yagan ber\u00e4t beruflich Unternehmen, wie sie sich richtig aufstellen, um am Markt zu bestehen. Der 48-j\u00e4hrige Unternehmensberater hat auch mit Insolvenzen zu tun bei Firmen, die in handfesten Schwierigkeiten stecken. Seine eigene Unternehmung nach Feierabend l\u00e4uft dagegen wie am Schn\u00fcrchen: Er ist der Pr\u00e4sident des Deutsch-T\u00fcrkischen Carnevalsverein (DTC), nach eigener Aussage der erste deutsch-t\u00fcrkische Karnevalsverein in Deutschland.<\/p>\n<p>Im November gr\u00fcndeten er und weitere sechs T\u00fcrken, drei Deutsche und ein Mazedonier den Verein im D\u00fcsseldorfer Karneval, und schnell entwickelte sich die Idee zu einem lokalen Renner, vor allem f\u00fcr die \u00f6rtliche Presse und Kommunalpolitiker. Aber auch f\u00fcr diese Zeitung, denn warum sonst sollte man \u00fcber den 66. D\u00fcsseldorfer Karnevalsverein berichten, noch dazu von K\u00f6ln aus? Deutsch-t\u00fcrkisch \u2013 das klingt aber nach mehr als nur jeckes Brauchtum, das klingt nach einem harmonischen Miteinander in althergebrachter Tradition, nach einem positiven Beispiel gelebten Zusammenseins in einem Umfeld oftmals negativer Schlagzeilen. \u201eDabei ging es uns gar nicht um Integration\u201c, sagt Yagan, der einen kleinen Packen neuer Mitgliedsantr\u00e4ge in der Hand h\u00e4lt. \u201eSehen Sie? Immer wieder neue Anfragen.\u201c Sp\u00e4testens bis zum Ende des Jahres soll der Verein 100 Mitglieder haben, jetzt sind es knapp 40.<\/p>\n<p>Rolf Rosenkranz kann sich da ein L\u00e4cheln nicht verkneifen. Der 63-j\u00e4hrige Insolvenzverwalter sitzt auch an diesem Tag wie so h\u00e4ufig in Yagans Kellerb\u00fcro, wo die beiden ansonsten \u00fcber Insolvenzen ihrer Kunden beraten, und in einer ruhigen Minute im Herbst 2011 die Vereinsidee ausheckten. Seit Jahrzehnten ist Rosenkranz in Karnevalsvereinen aktiv, seine Tochter Rebecca war die Venetia in D\u00fcsseldorf, die Prinzessin. \u201eIch bin bekannt wie ein bunter Hund\u201c, sagt er mit dem Selbstbewusstsein eines erfahrenen Vereinsmeiers. Eigentlich h\u00e4tte er statt Peter Zwegat die RTL-Dokuserie \u201eRaus aus den Schulden\u201c moderieren sollen, erz\u00e4hlt er. \u201eAls ich aber die Drehb\u00fccher gelesen habe, war mir das zu fernab von der Realit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Statt den zerknirschten Schuldenkrisenmanager zu geben schrieb er lieber sein eigenes Drehbuch: Nach der Gr\u00fcndungssitzung im November k\u00fcndigte er am 15. Dezember des vergangenen Jahres den deutsch-t\u00fcrkischen Verein in einer Mitteilung an, die er gegen 14 Uhr an die \u00f6rtliche Presse verschickte. \u201eKurz danach brach die Lawine los\u201c, sagt er. Bis abends habe das Telefon nicht mehr stillgestanden, die Lokalzeitungen meldeten sich, Radiostationen ebenso, Kollegen riefen an. Tage sp\u00e4ter wollte ein RTL-Team in Neuss vorbeikommen, um einen TV-Beitrag \u00fcber die ungew\u00f6hnliche Konstellation von Zuwanderern und Karneval zu berichten. Rosenkranz lehnte das rundweg ab: \u201eDas war nach dem Motto: Erfahrener Deutscher bringt bl\u00f6den T\u00fcrken den Karneval bei \u2013 das fand ich unm\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der Vereinsmitglieder \u2013 darunter deutsch-t\u00fcrkische Ehepaare genauso wie auch ein Marokkaner \u2013 hatte bislang mit Karneval nicht viel am Hut. \u201eDarum sehe ich meine Aufgabe ein klein wenig als Mentor\u201c, sagt Rosenkranz. Als Mentor, der den Karneval behutsam n\u00e4herbringt. Rosenkranz tr\u00e4gt an diesem Tag die zur\u00fcckhaltende Vereins-Kost\u00fcmierung: als Basis ein schlichter schwarzer Anzug, dazu eine Krawatte mit aufgestickten roten Pailletten. Aus seiner Tasche zieht er den Prototyp der Narrenkappe hervor, bestickt mit dem Vereinsnamen. So im Vergleich dezent gekleidet ziehen Rosenkranz und Yagan derzeit von Sitzung zu Sitzung, um sich in der Karnevalszene von Neuss und D\u00fcsseldorf bekanntzumachen. Ab dem 11.11.2012 wollen sie dann selbst aktiv werden, eigene Sitzungen organisieren und im n\u00e4chsten Jahr zumindest als \u201egro\u00dfe Fu\u00dfgruppe\u201c, wie Rosenkranz sagt, am D\u00fcsseldorfer Rosenmontagszug teilnehmen.<\/p>\n<p>Damit hat es der Verein schon bis in die T\u00fcrkei geschafft: \u201e\u00dcber Facebook erkundigen sich Freunde aus der T\u00fcrkei, was wir bei unserem ersten Stra\u00dfenkarneval werfen wollen\u201c, erz\u00e4hlt Yagan. Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das Wurfmaterial gebe es zuhauf: \u201eDas reicht von Baklava bis hin zu Kamelle mit D\u00f6nergeschmack.\u201c Yagan lacht. \u201eIst ja nur ein Gag. Uns geht es doch darum, das Brauchtum unserer Heimat anzunehmen und selbst ein fester Teil davon zu werden.\u201c Rosenkranz erg\u00e4nzt: \u201eWir wollen weder eine klassische Karnevalssitzung noch t\u00fcrkische Folklore.\u201c<\/p>\n<p>Was aber wollen sie dann? \u201eEinfach dabei sein und mitfeiern\u201c, sagt Yagan. F\u00fcr ihn ist der Karneval in einer Karnevalsregion wie dem Rheinland schlicht und einfach Andockstation, wenn man am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will. Seine Eltern, die urspr\u00fcnglich aus dem ostt\u00fcrkischen Erzincan stammen, schickten ihren in Deutschland geborenen Sohn von Anfang an in den deutschsprachigen Unterricht, weil zuhause T\u00fcrkisch gesprochen wurde und er doch Deutsch gut sprechen lernen sollte. Mit acht ging er in den Fu\u00dfballverein, er wollte Profisportler werden. \u201eMit dem Verein waren wir damals h\u00e4ufig zu Gast bei Karnevalsvereinen\u201c, sagt er, \u201emein erster Kontakt mit den Narren sozusagen\u201c. Auch nahmen ihn seine Eltern mit zum Rosenmontagszug: \u201eDie waren der Meinung, es geh\u00f6re dazu, sich mit dem Brauchtum der neuen Heimat anzufreunden.\u201c Dass Karneval einen christlichen Ursprung hat, davon wussten weder Yagan noch seine Eltern zu dem Zeitpunkt. \u201eWir dachten, es gehe darum, den Winter zu vertreiben.\u201c Damals seien sie noch Zaung\u00e4ste gewesen, die sich das bunte Treiben interessiert anschauen, aber eigentlich nicht weiter involviert waren. Sich in irgendwelchen althergebrachten Karnevalsvereinen zu engagieren, sei undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>Rosenkranz nickt nachdenklich: Er, der seit 45 Jahren in diversen D\u00fcsseldorfer Brauchtumsvereinen aktiv ist, wei\u00df um die teils konservative Klientel im organisierten Karneval und deren Klischees \u00fcber Zuwanderer. Zwar seien die meisten Reaktionen auf die Vereinsgr\u00fcndung positiv gewesen, sagt er, \u201eaber so manch einer hat direkt von irgendwelchen Burkas, Kopft\u00fcchern und Zwangsheiraten gesprochen\u201c. \u201eWarum machste dat?\u201c, parodiert Rosenkranz einige seiner Karnevalistenfreunde, die ihn an der Theke beiseite genommen h\u00e4tten. \u201eMuss dat sinn?\u201c Als eine lokale Zeitung zum ersten Mal \u00fcber den DTC berichtete, meldeten sich zudem die \u00fcblichen Kommentarschreiber in Internetforen: \u201eWarum k\u00f6nnen sich die T\u00fcrken nicht in einem deutschen Verein integrieren?\u201c, war zu lesen. \u201eWas aber ist an unserem Verein nicht Deutsch?\u201c, fragt Rosenkranz.<\/p>\n<p>Gut m\u00f6glich, dass etliche Zuwanderer auch wegen solcher Ressentiments nur wenig Lust auf traditionelle deutsche Brauchtumsvereine haben. Von den knapp 16 Millionen Menschen hierzulande, die eingewandert sind oder von Einwanderern abstammen, engagieren sich nur unterdurchschnittlich viele in Vereinen, sagen Studien. Laut einer Umfrage von 2008 des Sinus-Instituts bef\u00fcrchtet ein knappes Drittel der Zuwanderer, keinen Anschluss in einem solchen Verein zu finden oder gar ausgegrenzt zu werden. Bei den Sportvereinen sieht es zwar besser aus, aber auch dort stammt nur jedes siebte M\u00e4dchen aus einer Zuwandererfamilie, rechnet der Deutsche Olympische Sportbund vor.<\/p>\n<p>Wie viele Zuwanderer in Karnevalsvereinen aktiv sind, ist nicht bekannt. Die Sprecherin des K\u00f6lner Festkomitees Siegrid Krebs erz\u00e4hlt von Bem\u00fchungen schon vor Jahren im Stadtteil M\u00fclheim, einen deutsch-t\u00fcrkischen Verein auf die Beine zu stellen. Ob daraus ein echter eingetragener Verein geworden sei, das wei\u00df sie nicht. \u201eIch w\u00e4re sowieso vorsichtig mit Ank\u00fcndigungen irgendwelcher ersten deutsch-t\u00fcrkischen Vereine\u201c, sagt Krebs, der noch ein Scherz der besonderen Art in den Knochen steckt: Vor gut drei Jahren war das K\u00f6lner Festkomitee einem Fernsehgag aufgesessen, als sich ein angeblich t\u00fcrkischer Karnevalsverein als TV-Satire des Senders RTL herausstellte. Die vermeintlichen Neujecken mit Kopftuch und Schnauzbart provozierten dabei typische Reaktionen auf dem politisch verminten Integrationsfeld: Das Festkomitee hatte die Aktion begr\u00fc\u00dft, derweil sich die rechte B\u00fcrgervereinigung \u201ePro K\u00f6ln\u201c lautstark zu Wort meldete, nun drohe ein Burka-Gebot f\u00fcr Karnevalistinnen. Am Ende lag der Gag darin, dass ausgerechnet im Karneval niemand einen Spa\u00df verstanden hat.<\/p>\n<p>Im K\u00f6lner Karneval ist das Thema Integration eher im sogenannten alternativen Karneval erw\u00fcnscht, der \u201eStunksitzung\u201c zum Beispiel, oder auch der \u201eImmisitzung\u201c, die es seit der Session 2009\/2010 gibt. \u201eImi\u201c steht f\u00fcr \u201eimitierte K\u00f6lner\u201c, die es zum Beispiel aus Rheinbach oder Bergisch Gladbach nach K\u00f6ln geschafft haben, und \u201eImmi\u201c f\u00fcr Immigranten, also Zugezogene aus anderen L\u00e4ndern. \u201eUnd die bilden, anders als oft im K\u00f6lner Karneval, die Mehrheit im K\u00fcnstlerensemble\u201c, hei\u00dft es in der Pressemitteilung. Das Motto: \u201eJede Jeck ist von woanders.\u201c \u201eAber Migranten sind auch im offiziellen K\u00f6lner Karneval stark im Kommen, und das ist auch gut so\u201c, sagt Sitzungspr\u00e4sidentin Katja Solange Wiesner. \u201eWir werden mit der Immisitzung nicht mehr lange exotisch bleiben\u201c, ist sie sich sicher. \u201eEs gibt unendlich viele Gruppierungen, die Karneval feiern und \u00fcberhaupt nicht fragen, woher man kommt\u201c, sagt Krebs vom Festkomitee. Um genau zu sein: 111 Karnevalsvereine sind dem K\u00f6lner Festkomitee angeschlossen. \u201eDarin auch viele T\u00fcrken.\u201c Eine gewisse Zur\u00fcckhaltung attestiert sie jedoch muslimischen Zuwanderern. \u201eWas sie angeht, muss man akzeptieren, dass Karneval ein christliches Fest ist\u201c, sagt sie. \u201eKarneval und Kirche geh\u00f6ren eben zusammen, da wird gar nicht diskutiert.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Yagan und Rosenkranz spielt die Religion indes keine Rolle. \u201eDar\u00fcber haben wir noch nie gesprochen\u201c, sagt Rosenkranz und sucht zur Best\u00e4tigung den Blick Yagans. \u201eWir haben Spa\u00df\u201c, erg\u00e4nzt Yagan. Und ganz nebenbei k\u00f6nne man Kontakte pflegen: Im M\u00e4rz kommt der B\u00fcrgermeister des t\u00fcrkischen Badeortes Bodrum auf dem R\u00fcckweg von der Touristikmesse in Berlin nach Neuss, um den Verein zu besuchen. \u201eWer wei\u00df, vielleicht k\u00f6<a id=\"_GoBack\" name=\"_GoBack\"><\/a>nnen wir eine Partnerschaft begr\u00fcnden, um den Karneval nach Bodrum zu bringen\u201c, sagt Yagan, jetzt wieder ganz Netzwerker. \u201eWir schreiben Geschichte\u201c, glaubt er. \u201eNaja, ein gro\u00dfes Wort\u201c, erwidert Rosenkranz.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Reportage, erschienen im &#8222;K\u00f6lner Stadt-Anzeiger&#8220; am 16.02.2011 Von Martin Benninghoff Pl\u00f6tzlich platzt das Thema, das bereits seit einer halben Stunde unerw\u00e4hnt durch den Raum wabert, mit einem schrillen Telefongebimmel in die Unterhaltung: Integration und Zuwanderung. 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