Heimspiel in der Provinz

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Von China nach Westfalen – eine Filipino-Band erobert Hopsten

Erschienen auf der Reportage-Seite des Kölner Stadt-Anzeiger. Hier ein Song zur Einstimmung auf YouTube! artikelkoelnerstadteinzeigerneorush (Artikel als pdf)

VON MARTIN BENNINGHOFF

Wie gut, dass der Titel des Fußballturniers ein englischer ist, sonst würde Noel gar nichts mehr verstehen: „Summer Soccer Party“, Sommer-Fußball-Fest. Seit zwei Tagen ist der philippinische Sänger und Bassist in Deutschland. Genauer, in Hopsten, einem Dorf inmitten der Plantlünner Sandebene, wie das flache Gebiet im Kreis Steinfurt genannt wird. 7600 Einwohner ungefähr. Eine barocke Pfarrkirche St. Georg. Und der Sportverein Westfalia Hopsten, der an diesem Tag die „Summer Soccer Party“ ausrichtet. Vier Seniorenmannschaften sind dabei, eine Damenmannschaft, ein gemischtes Team und mehrere Jugendmannschaften, und sie alle kicken um einen Pokal. Es gibt Würstchen und Bier. Einen Kickertisch, Torwandschießen und eine Hüpfburg.

Exotischer Farbtupfer

Als exotischer Farbtupfer in dieser westfälischen Gemütlichkeit warten Noel und seine Musiker Junior, Peter, Paul und Coco, ebenfalls allesamt Filipinos, hinter der Bühne auf ihren Auftritt: „In Asien ist es so heiß. Und hier ist der Sommer so kalt“, sagt Noel, dem man ansieht, dass er mehr die Atmosphäre als das Wetter meint. Nur langsam füllt sich der Platz vor der Bühne. „Keine Ahnung, was uns hier erwartet“, zuckt der 41-Jährige mit den Achseln. In Singapur, da sei er schon aufgetreten, in China und anderswo in Asien auch. Aber Hopsten? Noel lacht. Alles sei hier ganz anders, inklusive der Toiletten. „In China wirst du vor dem Pissoir stehend von hinten massiert“, sagt er. Darauf kann er in Hopsten lange warten.

Dann legt Noels Band „Neo Rush“ los. „Die Deutschen in Deutschland tauen langsamer auf als die Deutschen in China“, wird Noel später sagen. Schnell merkt er, dass das Hopstener Publikum internationale Rockmusik verlangt: Motörhead, Guns´n Roses, Queen. Nach und nach werden die Zuschauer warm, und auch die sanfteren Gemüter fangen an, sich zu bewegen, als die Band eine Ballade von Lionel Richie einstreut. Später wagen Noel und die anderen „Lullaby of Birdland“, ein alter Jazzhit. Sie widmen das Stück einem deutschen Professor, ohne den die Band heute wohl kaum in Hopsten spielen würde. Der Professor starb kürzlich unerwartet, mit 74 Jahren kippte er beim Tennisspielen einfach tot um.

Rückblick, zehn Monate zuvor: Im Amüsierviertel Lao Waitan, im Herzen der chinesischen Millionen-Metropole Ningbo unweit von Schanghai, sind nur wenige Chinesen auf den Straßen unterwegs. Auch im „Z-Rocks“, einer Bar, sitzen an diesem Abend vornehmlich europäische und amerikanische Geschäftsmänner. Das „Z-Rocks“ sei für ihn „ein Stück Wiederherstellung nach ausgefüllten Arbeitstagen“, sagt der deutsche Unternehmer Udo Berling, dessen Firma Ledi mit LED-Leuchten handelt. Der 39-Jährige verbringt fast den halben Monat fern seiner Heimat Hopsten in Ningbo, wo er eine Tochtergesellschaft aufgebaut hat. Das „Z-Rocks“ ist eng, ein paar Sofas, ein paar Barhocker, zwischen Theke und Toilette die Bühne, die nur ein paar Quadratmeter misst. „Neo Rush“ ist hier die Hausband und spielt an sechs Abenden die Woche.

An diesem Abend hat Udo Berling seinen Geschäftsfreund, den 74-jährigen Professor, mitgebracht. Die beiden sitzen auf dem Vip-Sofa nahe dem Eingang. Wie jeden Abend um diese Zeit fragt Noel in die Runde: „Was wollt ihr hören?“ Und wie jeden Abend um diese Zeit rufen Einzelne aus dem Publikum ihre Lieblingstitel, meist die aus ihren Jugendtagen: „Sweet Child of Mine“ von Guns n´ Roses, „Enter Sandman“ von Metallica oder „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Alles keine Herausforderungen für die Filipinos von „Neo Rush“, die im „Z-Rocks“ seit zweieinhalb Jahren fast täglich diese Nummern spielen – und zuweilen besser klingen als die großen Vorbilder.

Und dann wünscht sich der deutsche Professor „Lullaby of Birdland“. Kurzzeitig wird es still in der Bar, und der ältere Herr feixt: „Das schaffen die nie.“ Doch Noel und die Band nicken sich nur kurz zu, dann beginnen sie zu spielen. Junior, der Gitarrist, der mit seinen abstehenden Zähnen ein bisschen wie der brasilianische Fußball-Star Ronaldinho aussieht, legt los, frickelt auf seiner Gitarre hinterm Rücken, schleudert diese wieder nach vorne und wirft sich in die typischen Rockgitarristen-Posen. Keyboarder Peter, Schlagzeuger Paul und Sängerin Coco und Noel würden ihm in solchen Momenten gerne die Bühne überlassen, wissen aber nicht wohin in der Enge der Bar. Der Professor wird später sagen, die Version des Jazzstücks sei „die beste, die ich je gehört habe“. Und: „Udo, die Band musst du unbedingt nach Deutschland holen!“

Berling lässt sich das nicht zweimal sagen. Er zahlt knapp 7000 Euro für Flüge und Hotelkosten. Und er eist die Musiker für eine Woche vom „Z-Rocks“ los, auch wenn er dem Besitzer, einem geschäftstüchtigen Singapurer, ein Ausfallhonorar zahlen muss. Für die Musiker ist es die erste Reise nach Europa. Für die meisten philippinischen Bands, die in asiatischen Bars und Hotels Abend für Abend auftreten, sind Bühnen in Europa unerreichbar. Zum einen bekommen sie selbst mit Einladung oft kein Visum, zumindest nicht so einfach: „Alleine für die Visa haben wir vier Monate gebraucht“, erzählt Berling, der mit Noel und anderen eigens nach Schanghai zum deutschen Generalkonsulat gereist war. Zum anderen winken kaum Engagements in Deutschland, weil Live-Musik in Bars und Klubs hierzulande wenig geschätzt wird. In vielen Städten, so auch in Köln, müssen die Bands oft zuerst ein Kontingent an Karten abkaufen, um spielen zu dürfen – „pay and play“, erst zahlen, dann spielen. Die Filipinos arbeiten deshalb lieber in China, wo die Barbesitzer im Vergleich nicht so schlecht honorieren. „Ich schicke die Hälfte des Geldes zu meiner Mutter nach Hause“, sagt Keyboarder Peter, der als einziger weder Frau noch Kinder hat, mit denen er seine rund 700 Euro im Monat teilen kann. „In Ningbo verdiene ich mehr als zu Hause.“

Peter und die anderen Musiker gehören damit zu den knapp zehn Prozent der philippinischen Bevölkerung – rund acht Millionen Menschen -, die als Gastarbeiter in der Fremde leben. In Deutschland sind derzeit rund 20 000 Filipinos gemeldet, die meisten arbeiten hier im Gesundheitswesen. Alle im Ausland arbeitenden Filipinos zusammengenommen schicken im Jahr rund neun Milliarden US-Dollar nach Hause, rechnet die Zentralbank in Manila vor.

Besonders begehrt

Wie viele von ihnen als Musiker arbeiten, ist nicht bekannt. In Asien sind sie aber besonders begehrt. Nicht nur wegen ihres musikalischen Talents, sondern auch wegen ihres Englisch-Akzents, den Touristen und Geschäftsleute aus Europa gut verstehen, derweil sich die chinesischen Musiker oftmals kaum verständlich machen können. Noel erzählt, wie er als Jugendlicher den ganzen Tag über Musik gespielt habe, „immer dann, wenn bei uns zu Hause wieder einmal der Strom ausfiel oder ein Taifun über uns hinwegzog“. Ihm sei klar geworden, dass sich sein Talent irgendwann finanziell auszahle, wenn er nur wegginge, weg von den Philippinen. „Ich begriff, dass das ausländische Publikum in den chinesischen Bars vor allem seine eigene Musik hören möchte – also spiel´ ich sie.“ Auch deshalb gehören die perfekten Imitationen der Musik und Show amerikanischer Rockgrößen zum unbedingten Repertoire der philippinischen Musik-Dienstleister.

Eine Fähigkeit, die „Neo Rush“ im westfälischen Hopsten ungemein hilft. Am Schluss haben sie ein jubelndes Publikum voll auf ihrer Seite, das dieses musikalische Niveau auf Dorffesten kaum gewohnt ist. „Nächstes Jahr“, strahlt Udo Berling, „hole ich die Band wieder hierher.“ Ob es so weit kommt? Noel sagt dazu nichts, schweigt und genießt die Ruhe nach dem Konzert. Am letzten Abend ihrer Deutschland-Reise sitzen er, Junior, Peter, Paul und Coco mit Berling beim Ritteressen auf der nahegelegenen Burg Bentheim. Wie normale asiatische Touristen, die Deutschland im Schnelldurchgang an sich vorbeiziehen lassen. Und ausnahmsweise mal nichts für andere tun müssen.

Dieser Eintrag wurde am am Dienstag, dem 17. August, 2010 um 18:20 in der Kategorie MUSIK, WAS SONST SO INTERESSIERT erstellt. Sie können alle Antworten zu diesem Eintrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können eine Antwort erstellen oder einen Trackback von Ihrer eigenen Seite erstellen.



Eine Antwort auf “Heimspiel in der Provinz”

  1. Roger Brasseur schreibt:

    Klasse Bericht, toll geschrieben und …Erinnerungen werden wach…Philippino-Band im Z Rocks!!..:-))

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