Bücher

Aufstand der Kopftuchmädchen

Lale Akgün in Zusammenarbeit mit Martin Benninghoff

Lale Akgün, prominente SPD-Politikerin und Muslimin, redet Klartext: Schluss mit der pauschalen Verteufelung des Islam durch Leute, die nichts davon verstehen. Wir müssen gemeinsam den Islam westlich machen!

Erscheint im Piper-Verlag. 16,95 Euro (D), 17,50 Euro (A)

Die Autoren:

Lale Akgün, geboren 1953 in Istanbul, kam mit 9 Jahren nach Deutschland. Nach Studium von Medizin und Psychologie arbeitete sie im Bereich Jugendhilfe und Familienberatung in Köln.  1982 trat sie der SPD bei, von 2002 bis 2009 war sie Mitglied des Deutschen Bundestags.

Martin Benninghoff, geboren 1979 in Bonn, studierte Journalismus und Politikwissenschaften. Als Referent arbeitete er zunächst für Lale Akgün, bevor er sich als Journalist und Autor selbstständig machte.

Theologische Beratung: Prof. Beyza Bilgin, Universität Ankara


Rezensionen:


„Kölner Stadt-Anzeiger“ (26.01.2011)

Kampf den Ewiggestrigen

Von Astrid Wirtz

Auch dieses ist ein aufgeregtes Buch über den Islam. Aber von der Sorte Aufregung, die über den Verstand läuft und deshalb besser als zutiefst engagiert beschrieben werden muss. Denn Lale Akgün, die ehemalige Kölner Bundestagsabgeordnete und Islambeauftragte der SPD schreibt als Muslimin sozusagen in eigener Sache. „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sie jetzt zusammen mit Martin Benninghoff vorlegt, ist ein kleines alltagstaugliches Lehrbuch über einen aufgeklärten und von rein historischen Bedeutungen entrümpelten Islam, fachlich begleitet und inspiriert durch Beyza Bilgin, ehemalige Dekanin der theologischen Fakultät Ankara.

Lale Akgün wollte schon als Politikerin einem modernen Islam ihre Stimme geben, eine Stimme, die sich den vorwiegend konservativen bis ultraorthodoxen islamischen Verbänden entgegenstellt. Denn gerade diese Verbände sind es, die das Bild des Islam in der Öffentlichkeit prägen. Und das darf ihrer Meinung nach nicht länger geschehen.

Der Islam werde nur dann zur Normalität in Deutschland, „wenn sich die modernen Muslime durchsetzten“. Auf Dauer könne hier keine Religion wirken, die Gegensätze zu den Grundwerten dieses Landes aufbaut. Deshalb, so Akgün, gehe es nicht um den Kulturkampf zwischen dem Islam und dem Westen. Der kulturelle Graben verlaufe vielmehr zwischen den Modernen und den Ewiggestrigen. Und die hat sie sowohl beim Zentralrat der Muslime als auch bei der Ditib und erst recht bei den Ultraorthodoxen im Visier. Zu eng verknüpften diese den Islam noch immer mit einer religiös geprägten Lebensweise, deren Regeln sie den Texten aus dem 7. Jahrhundert entnähmen. Der Koran sei das „Wort Gottes, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort an eine bestimmte Person, den Propheten Mohammed, gerichtet.“ Er könne deshalb auf die soziale Ordnung im 21. Jahrhundert keine Antwort geben. Und das sei auch nicht seine Aufgabe.

Welche Blüten die unhistorische Lesart des Korans hervorbringen kann, erläutert sie an den Ausführungen des Kölner Predigers Pierre Vogel. Auf seiner homepage „Einladung zum Paradies“ gehe er der Frage nach, ob im Islam Frauen Auto fahren dürfen. Für Vogel komme nur der Koran als Quelle der Beweisführung infrage. Und da das Fahren dort keine Erwähnung finde, sei es auch erlaubt. „In einem Text, der 1400 Jahre alt ist.“ Deutschland sucht die „Autosure“, wie Akgün bitter ironisch bemerkt.

Natürlich sind sich die Autoren klar darüber, dass dies einen Extremfall darstellt. Aber auch in Fragen des Kopftuchs für Frauen, der Verheiratung mit einem Andersgläubigen oder Sex vor der Ehe würde in den Moscheen viel „Überzeugungsarbeit“ geleistet. Kleinen Mädchen, behauptet Akgün, erzählten manche Imame, dass sich jedes einzelne Haar, das sichtbar werde, nach dem Tod in der Hölle in eine Schlange verwandelt. „Wer will das schon?“.

„Frauen (und Männer) sollten sich aus Überzeugung an die von Allah offenbarten Kleidervorschriften halten“, heiße es beim Zentralrat der Muslime. Bei Akgün ist viel Verve dabei, wenn sie den Herren dann den ersten Vers der Sure 24 um die Ohren haut, der auch die gläubigen Männer daran erinnert, dass sie ihren Blick senken und auf ihre Keuschheit achten sollen. Bei denen aber werde gern ein Auge zugedrückt.

Verhängnisvoll findet sie die Tendenz der Moscheevereine, für ihre Anhänger die Identität als Muslime in den Vordergrund zu stellen. Um den Einfluss der Islamverbände zu schwächen, plädiert die SPD-Politikerin deshalb für eine deutlichere Trennung von Religion und Staat in Deutschland – und damit auch gegen den geplanten bekenntnishaften Islamunterricht an den Schulen.

Oft ist Wut dabei, wenn die Autorin über die Anmaßungen der religiösen Wortführer berichtet, und mitunter gleiten die Formulierungen auch leicht ins arg Populistische ab. Recht hat sie aber, wenn sie mit drastischen Beispielen feststellt, wie leicht Religiöses in den Dienst männerdominierter Familien- und Machtstrukturen gestellt wird. Mutig entlarvt sie mit Hilfe theologischer Auslegung Machogehabe und Bigotterie . So den 18-Jährigen, der seiner Lehrerin bei der Übergabe des Abiturzeugnisses nicht die Hand geben will. Oder relativiert die Bedeutung von Minaretten vor dem Hintergrund moderner Weckmethoden.

Lale Akgün hat ein mutiges Buch geschrieben. Das Buch einer modernen deutschen Frau über die Sicht eines Islam, wie er auch international noch zu wenig verbreitet wird. Einen Islam, der auch ihr Leben bereichert. Anders aber als von manchem Imam in Deutschland verfochten.


„Zeit Online“ (21.01.2010)

Hoffnung auf den „Aufstand der Kopftuchmädchen“

Von L. Caspari

Ein gläubiger Muslim darf Alkohol trinken – in Maßen.

Er muss auch nicht fünf Mal am Tag beten, um seinem Gott nahe zu sein.

Und eine Muslimin muss kein Kopftuch tragen – „korrekte islamische Kleidung“ gibt es sowieso nicht.

Außerdem sind laut Koran Frauen und Männer in allen Lebensbereichen gleichberechtigt.

So sieht jedenfalls die langjährige SPD-Politikerin Lale Akgün ihre Religion. Bis 2009 saß sie im Bundestag und war Islambeauftragte ihrer Partei. Akgün ist in Istanbul geboren, als Neunjährige kam sie nach Deutschland. Sie fühlt sich als „moderne Muslimin“. Ihr Glaube ist ihr wichtig. Deshalb will sie ihn nicht konservativen islamischen Kreisen überlassen. Doch gerade die gäben derzeit in der deutschen Öffentlichkeit lautstark den Ton an. Am Donnerstagabend präsentierte Akgün ihr Buch in Berlin. Aufstand der Kopftuchmädchen heißt es. Der Titel ist ein wenig missverständlich, denn der Aufstand findet laut Autorin noch nicht statt. In ihrem Werk erörtert sie vielmehr ausführlich die ihrer Ansicht nach problematische Religionsauslegung konservativer Muslime.

Erschreckend sei die „unheilvolle Islamisierung zu vieler Lebensbereiche, in denen Religion nichts zu suchen hat“, schreibt die 56-Jährige beispielsweise. Oftmals gehe es den konservativen Muslimen dabei weniger um ihren Glauben, als um Machtdemonstration. Als Beispiel nennt Akgün den Streit um Gebetsräume an Schulen und die Höhe der Minarette von Moscheen. Dabei habe die erste muslimische Gastarbeitergeneration in Deutschland ihre Religionsausübung noch als etwas sehr Privates angesehen, gibt die Autorin zu bedenken.

Die  großen Islamverbände versuchten heute jedoch, gezielt „Parallelgesellschaften“ zu schaffen. Sie nähmen für sich in Anspruch, allein definieren zu dürfen, was der Islam ist. Die deutsche Politik mache daher einen großen Fehler, wenn sie zum Beispiel auf der Islamkonferenz hauptsächlich den großen Islamverbänden eine Stimme gebe, findet die Autorin. Denn diese Verbände, berichtet Akgün, verträten ausschließlich konservative Positionen. Aber nur 15 Prozent der muslimischen Bevölkerung in Deutschland finden sich in diesen Ansichten wieder, die, wie Akgün schreibt, „in ihrem Denken oft im Mittelalter verhaftet sind.“ Viele Muslime fügten sich dem lediglich aus Angst vor sozialer Isolation. Und deutsche Politiker widersprächen der Denkweise der konservativen Muslime nicht, weil sie Toleranz gegenüber den Religionen beweisen wollten.

Bleibt also der erhoffte Aufstand der Kopftuchmädchen aus? „Er wird irgendwann kommen“, sagt die Psychologin und Medizinerin auf die Frage eines Zuhörers, „es wird aber noch Zeit brauchen. Vielleicht noch zehn bis fünfzehn Jahre.“ Akgün setzt auf Bildung, denn die werde auch bei den konservativsten muslimischen Familien groß geschrieben. Die Töchter „lernen in den Schulen mehr als nur Mathematik und Deutsch, sie lernen auch, dass die Welt da draußen keine unsittliche Hölle ist“, schreibt die Autorin in ihrem Buch. Junge Muslima aus streng konservativen Familien, so ihre Hoffnung, würden dann lernen, die Dogmen ihrer Religionsausübung zu hinterfragen. Sie würden zum Beispiel erkennen, dass der Koran nicht vorschreibe, dass eine Frau ein Kopftuch trage. Dass das Tuch vielmehr ein „eiserner Vorhang“ sei, den die Frauen hauptsächlich aus Angst vor ihren konservativen Familien mit sich herumtrügen.

Akgün sagt auch, dass ein Muslim den Koran nicht immer wörtlich nehmen dürfe. Manche Suren seien einfach nicht mehr zeitgemäß. Ein Gläubiger müsse mit Verstand die „wesentlichen Kernaussagen“ herauslesen. Für Akgün ist eine dieser Kernaussagen, dass der Koran für Nächstenliebe und Mäßigung plädiere, nicht aber, dass er dem Gläubigen einen festgefahrenen Lebensstil vorschreibe.

Akgün weiß, dass sie konservative Muslime mit ihren Thesen provoziert. Sie weiß auch, dass sie sich auf schwieriges Terrain begibt. Wenn manches Gotteswort wirklich nicht mehr zeitgemäß ist, welches muss man dann befolgen, welches nicht? Diese große Frage treibt  auch das Christentum um. „Für mich sind Sie keine Muslimin“, ruft ein aufgebrachter junger Mann in der Diskussionsrunde nach der Lesung in den Saal. Akgün verunglimpfe mit ihrem Buch seine Religion, den Islam.

Die Autorin steht ruhig hinter ihrem Rednerpult. Sie kennt solche Anfeindungen. Muslime, die „mit den propagierten Vorstellungen von angeblicher Moral nicht einverstanden“ seien, würden von konservativen Gläubigen als „abgefallene Dissidenten“ behandelt, schreibt sie auch in ihrem Buch. Akgün lässt ihren Widersacher aussprechen. Dann sagt sie bestimmt: „Genau deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.“ Ein moderner Islam, der müsse eben auch Kritik und Andersdenken aushalten. Den jungen Mann beruhigt das nicht. Lautstark diskutiert er auf dem Flur mit nicht-muslimischen Besuchern weiter.


„Humanistischer Pressedienst“ (11.01.2011)

Islam und Muslime in der westlichen Welt

Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, die sich als „eine westliche Muslimin“ versteht, formuliert in ihrem Buch kritische Positionen zu den aktuellen Debatten um Islam und Muslime und legt die Grundzüge eines modernen Islam-Verständnisses dar. Es handelt sich um eine beachtenswerte Darstellung, die auf Basis eines säkularen Staatsverständnisses für einen reduzierten Bedeutungsanspruch der Religionen zugunsten einer allseitigen Toleranz plädiert.

Seit einigen Jahren wird über das Thema „Islam“ und „Muslime“ meist mehr emotionalisiert und politisiert denn differenziert und sachlich gestritten: Harsche Islamkritiker und polemische Islamverteidiger werfen sich dabei in Feuilletons und Talkshows gegenseitig Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz, Kritikimmunität und Naivität vor. An abgewogenen und nüchternen Betrachtungen mangelt es, drohen sie doch zwischen den genannten Polen zerrieben zu werden. Um so erfreulicher sind solche Stimmen, wie sie etwa in einem Buch von Lale Akgün zum Ausdruck kommen. Die in Istanbul geborene frühere SPD-Bundestagsabgeordnete will darin die „Grundzüge des modernen Islam“ (S. 11) präsentieren. Dazu geht Akgün auf die verschiedensten Fragen und Probleme zum Themenkomplex „Islam und Muslime in der westlichen Welt“ ein. Um so unverständlicher ist daher aber der Buchtitel „Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus“, der einen ganz anderen Inhalt erwarten lässt.

Zwar geht die Autorin auch kurz auf damit verbundene Inhalte ein, ihr Anliegen ist aber viel breiter gefasst. Dabei geht es um die Einwanderung von Muslimen und die Rolle der Islamverbände, um die Inhalte der Islamkritik und die Überholtheit der Minarette, um das Verhältnis von Religion/Staat und die fünf Säulen des Islam, um das Frauenbild von Muslimen und Geschäfte mit „islamischen“ Waren. Bei all dem gelingt es Akgün, zu komplexen Problemen gut begründete und inhaltlich zugespitzte Auffassungen zu formulieren. So benennt sie etwa die Problematik der Einwanderungspolitik in zwei Sätzen: „Erst kam die Einwanderung. Jahrzehnte später hat man begonnen, über sie nachzudenken“ (S. 28). Bei der Integrationsdebatte“, so formuliert Akgün, erfolge die Wahrnehmung von Personen und Problemen über religiöse Kategorien: „Die religiöse Zuschreibung erdrückt im öffentlichen Diskurs jede andere Teilidentität“ (S. 31), wodurch sich auch die deutsche Politik zum „nützlichen Idiot … der islamischen Funktionäre“ (S. 32) mache.

Überhaupt kritisiert sie immer wieder die fatale Wirkung einer Art staatlichen Anerkennung der konservativen Islamverbände als angebliche Stimme der Muslime, entstehe hier doch ein schiefes Bild vom Denken und Leben der Anhänger des Islam in Deutschland. Der Islam ist aus Sicht von Akgün sehr wohl „vereinbar mit Demokratie und Rechtsstaat, wenn er mit Vernunft ausgelegt wird“ (S. 66). Und dazu werden auch Anregungen formuliert, wie etwa die Forderungen nach einer Abkehr von der Annahme einer Wortwörtlichkeit des Koran und seiner Interpretation für die moderne Zeit. Um in einer multireligiösen Gesellschaft eine allseitige und gleichrangige Anerkennung der Religionen zu bewirken, bedürfe es der konsequenteren Umsetzung einer Trennung von Religion und Staat. „Wir müssen uns entscheiden: Entweder alle Religionsgemeinschaften bekommen die gleichen Rechte, oder Deutschland muss laizistisch werden und den Religionsgemeinschaften insgesamt weniger Rechte geben“ (S. 135).

Ganz in diesem Sinne deutet Akgün auch die fünf Säulen des Islam in einem modernen Sinne um: So reiche ein zweimaliges Gebet am Tag, sofern es eine Zwiesprache mit Gott und nicht nur eine äußerliche Demonstration sei. Man müsse auch nicht Fasten, handele es sich hier doch auch um eine Chance auf innere Zwiesprache mit Gott und nicht um eine äußerliche Pflichterfüllung. Akgün argumentiert demnach aus der Perspektive einer „westlichen Muslimin“, die für einen modernen Islam plädiert. Für Deutschland sieht sie aber die Gefahr, dass die damit verbundene Tendenz durch die Dominanz der konservativen Kräfte erdrückt werde. Das Potential der „modernen Muslime“ mache um die 15 Prozent der hier lebenden Muslime aus. Ob diese Einschätzung zutrifft, kann man schlecht sagen. Jedenfalls artikuliert sich dieses Spektrum bislang noch nicht in organisierter Form. Akgün hat in ihrem Buch für die „modernen Muslime“ programmatische Positionen formuliert, welche ihnen eine Leitlinie sein könnten. Nicht nur von daher handelt es sich um ein beachtenswertes Buch.

Armin Pfahl-Traughber

 
P.S. Die HPD-Leserschaft dürfte sich auch für Einschätzungen der modernen Muslima wie die folgenden Zitate interessieren: „Toleranz gegenüber Religion ist hierzulande eine beliebte Forderung, den Gefühlen von Atheisten wird hingegen wesentlich seltener Achtung entgegengebracht. Bei uns hat es sich eingebürgert, dass man den Religiösen immerzu Respekt zeigen sollte – und auch gläubige Muslime sind unglaublich schnell beleidigt. Atheisten wollen jedoch nicht immerzu mit Religion belästigt werden, auch sie haben in unserer Gesellschaft ein Anrecht auf Religionsfreiheit im Sinne von ‚frei von Religion’“ (S. 54). Oder: „Aber der Rechtsstaat baut eben nicht mehr auf Religion auf – und die Säkularität des Staates ist eine Erfolgsgeschichte. Weder Europa noch Deutschland sind heute im Kern christlich. Viel näher liegen die Werte von Toleranz, Pluralismus, Humanismus und Demokratie“ (S. 115). Oder: „Der deutsche Verfassungsstaat mit seinem Ja zur Religion wird nur glaubhaft bleiben, wenn er sich in gleicher Distanz zu allen Religionen aufstellt“ (S. 137).


Frankfurter Rundschau“ (4.1.2011)

Allmählicher Aufstand

Von Canan Topçu

Frauen in Badeanzügen, die islamische Traditionen und religiöse Feste beachten – ein Widerspruch? Nein, keineswegs, wie Lale Akgün es während ihres Aufenthaltes in einem Ferienort in der Türkei feststellte. Die Begegnung mit Badeanzug-Trägerinnen bildet den Ausgangspunkt für ein Buch, in dem die Autorin sich mit der Frage beschäftigt, wie der Islam modernisiert werden kann. Denn so viel steht fest: Diese Religion ist, so wie sie von vielen praktiziert wird, frauenfeindlich und nicht zeitgemäß. Doch wie lässt sich der Islam im Sinne der Geschlechtergleichheit reformieren? Wer soll das anpacken? Wer eine Umdeutung der als sakrosankt behandelten islamischen Gebote und Verbote durchsetzen?

Eine Antwort liefert Akgün in „Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus“. Zwar ist der Titel irreführend, denn vom Aufstand probenden Kopftuchmädchen ist nicht die Rede. Dass der Titel programmatisch und appellativ gemeint sein könnte, sofern ihn der Verlag nicht bloß zur Verkaufsförderung wählte, wird nach der Lektüre klar.  Anders als in ihren beiden zuvor erschienenen Büchern ( „Der getürkte Reichstag“, „Tante Semra im Leberkäseland“) widmet sich die aus der Türkei stammende und in Deutschland aufgewachsene 57-Jährige den Themen rund um Islam und Integration jetzt in einem ernsten Ton.

Im einführenden Kapitel formuliert Akgün ihre Vision, dass die Reform von den „Kopftuchmädchen“ ausgehen werde, die hier Schulen und Universitäten besuchen. „Die Kopftuchmädchen werden sich nicht mehr länger kleinhalten lassen, sie werden mitreden wollen. Ihr Aufstand gegen die Konservativen und Ultraorthodoxen wird ein allmählicher sein.“ Akgün fordert Muslime und insbesondere Musliminnen auf, sich eingehender mit dem Koran sowie den Geboten und Verboten zu befassen und bei der Interpretation der Suren den eigenen Verstand einzusetzen. Insofern lassen sich Akgüns Buch und ihre Auslegungen durchaus als Starthilfe für eine Rebellion der Musliminnen verstehen. Denn die Autorin, die vor ihrer Karriere als Politikerin lange als Psychologin tätig war, legt ausführlich dar, wie sie selbst etwa die fünf Säulen des Islams, die religiösen Gebote und bestimmte Koran-Suren deutet. Um herauszufinden, „ob die vordergründigen moralischen Regeln auch im echten Zusammenhang mit der dahinterstehenden Ethik stehen“, müsse „jede religiöse Regel auf den Prüfstand“. Akgün zweifelt etwa am Sinn der Verhüllung und ebenso an der Pflicht zum fünfmaligen Beten pro Tag. Das Pflichtgebet, erklärt sie, werde in den älteren Teilen des Korans gar nicht erwähnt und sei späteren Entwicklungen geschuldet und daher wie auch andere Traditionen nicht unantastbar.

 Starthilfe für ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Koran bekam Akgün von der türkischen Professorin Beyza Bilgin. Die Gespräche mit der ehemaligen Dekanin der Theologischen Fakultät Ankara, hierzulande bekannt für eine hermeneutische Interpretation des Korans, hätten sie ermutigt, sich der Frage zu widmen, wie der Islam mit den Entwicklungen der Moderne Schritt halten könne.

Als Verhinderer der Modernisierung des Islams in Deutschland benennt Akgün konservative islamische Funktionäre. Ihnen wirft sie vor, nicht müde zu werden, vor den Gefahren in diesem Land zu warnen. Sie weiß, wovon sie schreibt; von 2002 bis 2009 war sie für die SPD Mitglied im Deutschen Bundestag und islam-politische Sprecherin ihrer Fraktion; in dieser Zeit hat sie sich intensiv mit den islamischen Verbänden beschäftigt und sie immer wieder kritisiert. Das setzt sie jetzt nicht als Bundespolitikerin fort, sondern als Autorin, die sich „zum islamischen Glauben bekennt“, wie auf dem Schutzumschlag zu lesen ist. Sie erklärt, sie wolle nicht, dass die Funktionäre den Muslimen in Deutschland vorschreiben, wie der Koran gedeutet und gelebt werden muss.

An ausgewählten Beispielen legt Akgün dar, dass vor allem die Verbände eine zeitgemäße Interpretation des Koran verhindern. Daher wundert sie sich, dass deren Funktionäre von der deutschen Politik hofiert werden. Für sie steht fest, dass es eine naive und falsche Vorstellung ist, „dass man über die Schmeichelei gewissen Islamverbänden gegenüber Verbündete im Bereich der Integration bekommen würde“. Akgün möchte, das wird bei der Lektüre klar, nicht nur den Kopftuchmädchen, sondern auch den hiesigen Politikern die Augen öffnen.


„NDR.DE“ (7.1.2011)

„Insgesamt gelungener Beitrag zur Integrationsdebatte“

Es ist ein bisschen ruhiger geworden in der Integrationsdebatte. Gelöst ist die Frage aber noch lange nicht, wie Zuwanderung gelingen kann, was alle Seiten dazu beitragen müssen, was sie erwarten dürfen. Ein Aufreger in der Diskussion 2010 war der Begriff „Kopftuchmädchen“ – von Thilo Sarrazin als Synonym benutzt für Integrationsunwilligkeit.

Einen anderen Blick darauf hat die SPD-Politikerin Lale Akgün. In ihrem Buch „Aufstand der Kopftuchmädchen“ beschreibt sie , was sie in der islamischen Gemeinde dazu beobachtet hat. Und zieht ihre Schlüsse daraus für die Integrationdebatte und das Selbstverständnis junger Musliminnen.

Vorgestellt von Kathrin Erdmann

Schon wieder ein Buch über den Islam, das Kopftuch und Muslime. Das mag mancher beim Anblick von „Aufstand der Kopftuchmädchen“ denken. Das Cover zeigt eine Frau ohne und eine Frau mit Kopftuch. Letztere werde sich noch von ihrem Stück Stoff befreien, ist Autorin Lale Akgün sicher: „Sie sind ja die Unterdrückten, aber sie werden aufstehen und sich das nicht länger gefallen lassen, dass Männer über sie bestimmen.“ Die Musliminnen sind aus Sicht der SPD-Politikerin schon längst auf diesem Weg dorthin.

„Sie lernen in den Schulen mehr als nur Mathematik und Deutsch, sie lernen auch, dass die Welt da draußen keine unsittliche Hölle ist (…) und riechen den süßen Duft des Erfolges.“ (Buch-Zitat)

Außerdem, so belegt die Autorin anhand von Koranstellen, sei die Kopfbedeckung keine religiöse Pflicht. Dass gerade konservative Muslime daran jedoch festhalten, liegt aus Sicht der 57-Jährigen an einer rückwärtsgewandten Interpretation: „Der Islam muss reformiert werden, denn der Islam kann so, wie er im Moment auftritt, weder für die Integration von Nutzen sein, noch kann der Islam, so wie er jetzt in dem Moment ist, in Europa oder überhaupt auftritt, sich mit der aufgeklärten Welt in Verbindung setzen.“

Dazu gehört zuallererst, die Frauen als gleichberechtigt anzuerkennen und auch so zu behandeln, sagt die SPD-Politkerin. Gerade muslimische Männer würden mit zweierlei Maß messen. Diese Doppelmoral gehört aus Sicht von Akgün abgeschafft: „Die gucken sich gerne Frauen an, die im kleinen dünnen Kleidchen durch die Stadt laufen, aber das darf nicht ihre eigene Frau sein, das darf nicht ihre Schwester sein, nicht ihre Mutter sein. Diese Moral müssen wir aufknacken.“

Für kontraproduktiv hält sie dabei Tagungen wie die Islamkonferenz, an der zahlreiche konservative Muslime teilnehmen. Man mache sie und ihre Haltung so gesellschaftsfähig, schreibt Akgün. Sie hält das für eine falsche Toleranz.

„Die Verbände, die sich zum Sprecher der Muslime erklären, versuchen ihre Community zu isolieren und Parallelgesellschaften zu schaffen. Würde heute Nacht die Integrationsfee Deutschland küssen und ab morgen wären alle Integrationsprobleme des Landes gelöst, würden die Moscheevereine doch den Zulauf der Leute verlieren, die heute zum größten Teil ihre Klientel darstellen.“ (Buch-Zitat)

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft sollte sich aus Akgüns Sicht davon verabschieden, eine Religion integrieren zu wollen. Integrieren könne man nur Individuen.

Sehr klar in der Sprache und gut verständlich schildert Lale Akgün auf knapp 300 Seiten, wo die Religion vor allem von Männern zum Vorwand für den Erhalt ihrer Macht benutzt wird. Sie schildert dabei Absurdes, wie zum Beispiel, dass in Saudi-Arabien Frauen zwar als Pilotin arbeiten, aber nicht Auto fahren dürfen. Forderungen und Thesen belegt Akgün mit Aussagen muslimischer Geistlicher. Das macht sie glaubwürdig.

Ja, das Buch ist schon wieder eines über den Islam, Kopftuch und Muslime. Aber im Unterschied zu vielen anderen Autoren verteufelt die Autorin die Religion nicht, sie fordert nur eine andere Lesart. Das ist nachvollziehbar, angenehm und insgesamt ein gelungener Beitrag zur Integrationsdebatte.