Eine neue Erfahrung für einen alten Schweden


Von Martin Benninghoff

Wie sich die Dinge ändern können, wenn der Terror nach Schweden kommt: Heute Mittag in einem Kölner Kiosk zählte ich gerade mein Geld durch, um den „Spiegel“ zu bezahlen, als mich der Mann hinter der Theke fragte, woher ich komme.

Wie? Woher ich komme?

Einigermaßen verdattert lenkte ich meinen Blick aus dem Portemonnaie in Richtung des Kioskmitarbeiters, der mich freundlich ansah. Wie ich später erfuhr, war er libanesischer Abstammung und sicherlich in Deutschland eher als ich die Frage nach der Herkunft gewohnt.

„Sind Sie Schwede?“, fragte er mich weiter.

Nun, ich kenne das. In Ghana war ich ob meiner blonden Erscheinung wahlweise als Schwede, Norweger, Is- oder Grönländer bezeichnet worden; auch in Indien, Thailand und Marokko hatte man mich im Norden Europas verortet. Und bei einer Fete in der deutschen Botschaft in Peking erzählte mir ein Chinese, ich sehe aus wie ein „typischer Norweger aus dem Grenzgebiet zu Finnland“. Ein ganz typischer, versicherte er mir. Alter Finne!

Aber hier in Köln? Ich setzte mein ernstes Gesicht auf und antwortete: „Nein, ich bin Senegalese.“ Der Mann hinter dem Tresen stutzte, derweil ich ein paar Sekunden wartete; eins, zwei, dann drei. „Ein Scherz“, beeilte ich mich zu sagen, denn der Mann nahm meine Bemerkung für bare Münze. Nun lachte er endlich. „Ich bin Deutscher, kein Schwede oder Norweger“, sagte ich. „Aber Sie sind der Erste, der mich in Deutschland fragt, ob ich einen Migrationshintergrund habe. Darf ich Ihnen dazu gratulieren?“

Für mich hat die Kioskszene gleich drei Bedeutungen, über die ich heute nachzudenken hatte, weil sie das eigene Selbstverständnis tangieren können:

Erstens: Die Frage „Woher kommst Du“ ist natürlich in diesem Fall nicht böse gemeint, ganz im Gegenteil. Trotzdem fühlte ich mich schon ein wenig gedisst, weil ich in meinem Selbstverständnis hundertprozentig sicher bin, woher ich komme.

Zweitens: Die Frage „Sind Sie ein Schwede?“ ist ohnehin nur selten negativ konnotiert. Mit den skandinavischen Ländern verbinden die meisten Prosperität, Wohlstand, tolle Pisa-Ergebnisse und Ikea. Und, naja, König Carl Gustav. Aber fragen Sie mal einen Albaner, was der mehr oder minder subtil zu hören bekommt, wenn er Shkodra oder Saranda als seinen Heimatort nennt. Als ich kürzlich mit meiner Freundin in Albanien war, mussten wir uns selbst von einigen lieb gewordenen Klischees verabschieden, die meist mit „M“ anfingen (Mord und Mafia).

Drittens: Seit dieser Woche ist Schweden leider auch mit dem Terrorfluch bedeckt. Ab sofort wandel ich deshalb offiziell weder als Schwede noch als Senegalese durch die Welt. Transnistrien ist da ein viel besseres Mäntelchen, das wärmt und dennoch kaum kratzt; kennt keiner, aber im Notfall kann man seine Existenz nachweisen.


Dieser Eintrag wurde am am Montag, dem 13. Dezember, 2010 um 21:03 in der Kategorie NEUE INLÄNDER, WAS SONST SO INTERESSIERT erstellt. Sie können alle Antworten zu diesem Eintrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können eine Antwort erstellen oder einen Trackback von Ihrer eigenen Seite erstellen.



5 Antworten auf “Eine neue Erfahrung für einen alten Schweden”

  1. Tingel Tangel schreibt:

    welcome to my world. i have been Indian in India. sri lankan in sri lanka, southafrican in capetown, mixed race in new york,never Chinese in hong kong ;-)!!brazilian everywhere! ????? in Germany! but i am afraid I am Eritrean….question to that always been.. where the F*** is that! …..so embrace it! it’s great to be international! it brings you closer to the world 😉

  2. Inge Töllner schreibt:

    Hallo Martin,
    der Bericht war sehr interessant.
    Ich finde es gut, denn es zeigt, dass Europa immer mehr
    zusammenwächst. Du bist der lebende Beweis dafür.

  3. Thomas schreibt:

    Hi Martin,
    eigentlich eine ernste Geschichte! Aber du schaffst es immer wieder, dies amüsant und leicht humoristisch ‚rüber zu bringen. Sehr gut, danke dafür!
    Aber auch ein Beweis für die Globalisierung: Man sollte einfach Weltbürger werden.

    Gruß
    Thomas,
    PS: Danke für die Verlinkung;-)

  4. Fee schreibt:

    Martiin!Das ist ein komisches Gefühl oder?ein kleines erlebnis:
    ich in der disko. typ kommt an..funkeln in den augen: „sag mal, bist Du brasilianerin?Du siehst so leidenschaftlich(?..) aus.““Nein, bin ich nicht.“ Nachdem er 10 Minuten ALLE …Länder aufzählt, die er mit mir in Verbindung bringen kann: „Also ich will Dich nicht beleidigen, aber bist Du Türkin?“ „Ja und Du ein Vollidiot.Tschöhö!“Mehr anzeigen

  5. Wahyuni Trebuat schreibt:

    deine geschichte gefällt mir! die frage wird nahezu jeden tag an mich gerichtet. im kiosk gerne auch mit der altersfrage kombiniert:-) und wenn dann die asiatischaussehende frau, im stolzen alter von 32 jahren ihren deutschen perso, mit geburtsort indonesien über die theke schiebt und lächelnd im akzentfreien deutsch sagt: ja klar, sehr gern…..dann krieg ich das bier meistens geschenkt:-)

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