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Kölsche Eingeborene auf Galapagos

 

 

 

 

Die Wittmers: Heinz, Harry, Inge, Rolf und Margret (Bilder: Wittmer, Benninghoff)
Die Wittmers: Heinz, Harry, Inge, Rolf und Margret (Bild: Wittmer)

Vor rund 80 Jahren wanderte Adenauers Privatsekretär mit seiner Familie von Köln auf die Galapagos-Inseln aus – bis heute prägen die Nachfahren dort den Tourismus 

 

Eine Reportage von Martin Benninghoff („Kölner Stadtanzeiger„, 19.11.2011)

Die Koffer sind gepackt, und die Kisten, Körbe und Säcke voller Hausrat und Saatgut bereits auf dem Weg nach Amsterdam, als Heinz Wittmer einen Brief an den „sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister“ schreibt. Es ist 1932, und der Chef im Kölner Rathaus ist ein gewisser Konrad Adenauer, der spätere Bundeskanzler. Wittmer ist dessen Privatsekretär, wenn auch nicht mehr lange: Mit der Kündigung setzt der 41-Jährige einen Schlusspunkt hinter sein bürgerliches Leben. Er will raus aus Köln, raus aus der Großstadt, noch mal von vorne anfangen, auf einer nahezu unbewohnten Pazifikinsel. Floreana. Ein Name wie eine Blume, die den Duft der großen weiten Welt ausströmt.

Wenige Tage später besteigen Wittmer, seine mehr als zehn Jahre jüngere Frau Margret und Harry, sein zwölfjähriger Sohn aus erster Ehe, ein Dampfschiff von Amsterdam nach Guayaquil, der Metropole an Ecuadors Westküste. Mehrere Wochen dauert die Überfahrt. Zwei Monate später geht die Reise auf einem Segelschiff weiter nach Floreana. Die Insel liegt 1000 Kilometer westlich vom Festland Ecuadors im Pazifik, sie ist eine von über 60 Inseln des für seinen Artenreichtum berühmten Galapagos-Archipels.

Nach all den Entbehrungen auf  ihrer Reise  und den gesteckten Erwartungen an das Kleinod Floreana wirkt die grausandige Bucht mit den schwarzen Lavabrocken, in der die Wittmers anlanden, wie eine einzige Enttäuschung. Keine Bäume, nur vertrocknete Büsche säumen den Strand, auf dem sich Seelöwen räkeln und die Familie mit neugierigen „örk“-Lauten empfangen. Margret wird eines Tages notieren: „Einen einsameren Ort als diese Insel habe ich mir nicht vorstellen können.“ Ihr wird klar, es gibt kein Zurück. „20 Mark und ein wenig ecuadorianisches Geld – das reicht nicht einmal für die Rückfahrt.“

Während sich Margret noch an das Stück Land, das ihre Heimat werden soll, herantastet, schleppen Heinz und Harry die Kisten, Säcke und Koffer den Strand hinauf. Danach begeben sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz für die Nacht, die nahe am Äquator pünktlich um 18 Uhr hereinbricht.

Heute, knapp 80 Jahre später, ist der Name der Familie Wittmer den Bewohnern des Galapagos-Archipels ein Begriff. Wer mit dem Flugzeug auf der nördlich von Floreana gelegenen kleinen Insel Baltra landet, einem ehemaligen US-Stützpunkt, und die Straße nach Puerto Ayora, dem Hauptort auf der Insel Santa Cruz, nimmt, begegnet bereits am Ortseingang dem Schriftzug „Rolf Wittmer“. „Eine Marke auf Galapagos“, erklärt Miguel Pontas, einer von 280 lizenzierten Naturführern auf Galapagos“, „bekannt für seine Jachttouren und kleinen Kreuzfahrtschiffe“. Rolf Wittmer, der Name des ersten gemeinsamen Kindes von Margret und Heinz.

Margret bringt den Jungen am Neujahrstag 1933 zur Welt. In einer Piratenhöhle. Zumindest nach offiziellen Dokumenten ist Rolf der erste Mensch, der je auf Floreana geboren wird. Er wächst  ohne Freunde, Kindergarten oder Schule auf. Sein Klassenraum, das sind die Natur und das Überleben seiner Familie. Die Eltern und sein Halbbruder Harry bringen ihm bei, was sie für wichtig halten, und das meist zwischen Tomatenernten, Unkrautjäten und Fischen: ein bisschen Rechnen, ein wenig Geschichte und eine Riesenportion Überlebensstrategien. Jahrzehnte später wird sich Rolf für die erste Schule auf Floreana, gebaut von den Inselbewohnern, einsetzen und Vorsitzender der Elternvertretung. Und somit erstmals eine Schule von innen erleben. Mit 75 erhält er sein Abschlusszertifikat für die Grundschule. „Ein sehr angesehener Mann“, sagt Naturführer Pontas voller Anerkennung. „Wittmer hat uns geholfen, unsere Inseln für den Tourismus zu erschließen.“ Es ist ein Nachruf, denn im September ist Rolf Wittmer verstorben.

Rolfs Schwester Inge, die vier Jahre nach ihrem Bruder in der ersten selbst gebauten Hütte der Eltern geboren wurde, betreibt bis heute gemeinsam mit ihrer Tochter Erika ein kleines Hotel auf Floreana. „Hotel Pension Wittmer“, ein kleines weißes Häuschen, liegt in ebenjener grausandigen Bucht, in der die Eltern vor acht Jahrzehnten an Land gingen. Über dem Eingang hängt ein Schild mit der Aufschrift „Hilf dir selbst, dann hilf dir Gott.“ Das Motto von Margret Wittmer, die 2000 im Alter von 96 Jahren auf Floreana verstarb. „Aber auch unser Motto“, sagt die 47-jährige Erika, die zur dritten Generation der Einwanderer  gehört. Sie spricht fließend Deutsch, auch wenn sie erst einmal in die Heimat ihrer Großeltern, nach Köln, gereist ist. Die Gewohnheiten sind jedoch stärker durch die Familie geprägt als den Ort, an dem man sich befindet. Also bereitet Erika auch heute gerne Rinderbraten zu, wie ihre Mutter und wie früher auch ihre Großmutter Margret.

Die Historie der Wittmers zieht Reisende nach Floreana. Die meisten kommen im Rahmen einer Kreuzfahrt und ankern mit ihren Booten nahe der Postoffice-Bay. Hier, inmitten knorriger Büsche und auf hellem Sand, steht seit dem 18. Jahrhundert ein Holzfass, die wohl exotischste Postagentur der Welt. Schon Walfänger vor 300 Jahren deponierten ihre Briefe in der Tonne, in der Hoffnung, andere Seefahrer nähmen sich ihrer an. Selbstredend dauerte die Zustellung oftmals Monate. Heute kommen statt der Walfänger vor allem Touristen, die ihre Postkarten mit Seelöwen- und Blaufußtölpel-Motiven in einer kleinen Plastiktüte im Fass lassen. Und auf andere Reisende hoffen, die sie mitnehmen.

Wenige Schritte hinter der „Poststation“ rosten Metallteile im Sand. Hinterlassenschaften norwegischer Siedler, die in den 1920er-Jahren versucht hatten, eine Fischkonservenfabrik auf Floreana aufzubauen. Sie scheiterten unter anderem an der schlechten Versorgung mit Trinkwasser. Heute sitzen Fregattvögel auf den Ruinen, und die Seelöwen dösen  in der Sonne.  Schon ein Jahrhundert zuvor waren andere Siedler gescheitert, die das auf Floreana wachsende Färbermoos kommerziell nutzen wollten. Der Versuch endete jäh mit der Ermordung des Unternehmers.

Nicht der einzige ungeklärte Kriminalfall, der dem Eiland etwas Unheimliches gibt. In den 1930er-Jahren ging Floreana durch die Weltpresse, weil die wenigen Siedler, darunter die Wittmers, aneinandergerieten. 1929 landet der Berliner Zahnarzt Friedrich Ritter mit seiner Geliebten Dore am „Black Beach“. Der Zivilisationsflüchtling aus der Hauptstadt ist zu jener Zeit bekannt für seine kompromisslose Propagierung fleischloser Ernährung und alternativer Lebensweisen. Jahre später stirbt der bekennende Vegetarier ausgerechnet an einer Fleischvergiftung. Über die Frage, ob seine Geliebte ihn vergiftet hat oder nicht, entbrennt ein Streit in deutschen Zeitungen.

In dieser Zeit stößt ein obskures Grüppchen dazu, angeführt von einer angeblichen französisch-österreichischen Baronin, Eloise Bousquet-Wagner. Die wahrscheinliche Hochstaplerin  zettelt Intrigen zwischen den Insulanern an, „beschlagnahmt“ Essensrationen und bemächtigt sich Post, die ihr nicht gehört. Zwei Jahre danach sind die Baronin und einer ihrer Liebhaber verschollen, ein anderer wird verdurstet auf einer anderen Insel gefunden.  Auch auf die Wittmers fällt ein Schatten des Verdachts, aufgeklärt wird der Fall jedenfalls nie. Margret Wittmer verarbeitet ihre Erlebnisse und die „Galapagos-Affäre“ später in ihrem Buch „Postlagernd Floreana“, das in Deutschland nur noch antiquarisch zu bekommen ist, auf Galapagos jedoch noch verlegt wird.
Vom einzigen Ort auf der Insel, dem verschlafenen Puerto Velasco Ibarra, wo sich im Mini-Hafenbecken Seeschildkröten und schwimmende Echsen tummeln, führt eine Schotterpiste hinauf ins Hochland, das erstaunlich grün und saftig ist und so gar nichts von der knochentrockenen Küste hat. Es geht vorbei an der Farm der Wittmers, wo ein Verwalter heute Orangen anbaut und Kühe hält. Hier siedeln die Wittmers nach ihrer Ankunft. Zuerst in einer Höhle, in der Margret fast gestorben wäre, hätte der Berliner Friedrich Ritter – der Zahnarzt – bei der Geburt Rolfs nicht zum Kaiserschnitt angesetzt. Bald wohnt die Familie in einem selbst gebauten Haus.

Heute geht es für die gut 100 Bewohner der Insel als auch für die Bevölkerung des gesamten Archipels längst nicht mehr ums nackte Überleben, wohl aber um die Existenz im Spannungsfeld zwischen Tourismus und Naturschutz. Die Hälfte aller endemischen Tier- und Pflanzenarten ist noch immer vom Aussterben bedroht, auch wenn die Unesco Galapagos im vergangenen Jahr wieder von der Roten Liste der bedrohten Naturräume gestrichen hat. 25 000 Menschen leben auf den Inseln, erzeugen Müll und verbrauchen kostbares Trinkwasser. Hinzu kommen nach Angaben der Nationalparkverwaltung 160 000 Touristen im Jahr.
Mehr will die Nationalparkverwaltung nicht auf die Inseln lassen. Zudem sollen die Bewohner zu Naturschutz angehalten werden, Floreana gilt hierbei als Vorzeigemodell. Ein Projekt, für das auch die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) Geld gibt. Bis 2020 sollen alle Inseln sauber sein. So sauber wie Floreana, als die Wittmers vor 80 Jahren das Rheinland in den Pazifik brachten.  

 

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